Legende BFC Dynamo: Die Interviews

Es hat nicht viel gefehlt, dann hätte der überregionale deutsche Fußball den BFC Dynamo wiedergehabt. 2:1 siegte der DDR-Seriensieger sowie im Mai frischgebackene Meister der Regionalliga Nordost im Rückspiel der beiden Aufstiegsspiele zur 3. Liga beim Nord-Meister VfB Oldenburg. Das Hinspiel im Sportforum Hohenschönhausen ging allerdings mit 0:2 daneben, sodass nun mindestens ein weiteres Jahr Viertligafußball auf der weinroten Agenda steht. Nicht wenige Fans und Funktionäre anderer Klubs dürften ob dieses Umstands Erleichterung verspürt haben. Denn der BFC ist nicht nur DDR-Seriensieger und aktueller Regionalliga-Meister, sondern auch „Stasi-Klub von Erich Mielke, Schieber-Meister“ sowie spätestens nach der Wende „Nazi-Klub und Randale-Meister“ in Personalunion. In den alten Bundesländern gesellt sich zu diesem speziellen Gemisch aus Wahrheiten und Vorurteilen noch eine mangelhafte Sensibilität für die Spitzfindigkeiten im einstigen DDR-Alltag, die das Urteil über den BFC Dynamo vollends in ein krudes Bild verwandelt.
Für unsere Ausgabe #27 haben wir uns u.a. mit René Lau und Andreas Gläser unterhalten, langjährige BFC-Fans und Begleiter des Fans durch Höhen und Tiefen. Im Heft gibt es eine komprimierte Fassung unserer Interviews, hier kommen die vollständigen Interviews als Bonus-Tracks über den BFC Dynamo   

René Lau - der Fananwalt

René, zunächst einmal zu deiner Person: In der Tageszeitung „Junge Welt“ hast du eine Rubrik „Beim Fananwalt“. Wie bist du in die Rolle des Fananwalts geschlüpft und was macht bzw. schreibt ein Fananwalt so?

 Die Kolumne „Beim Fananwalt“ in der „Jungen Welt“ ist glaube ich etwas einmaliges. Diese schreibe ich seit Juli 2020. Es war schon zuvor eine gemeinsame Idee mit Oliver Rast, der heute im Ressort Arbeit und Soziales bei der Jungen Welt arbeitet. Im Sommer 2020 war es dann soweit. Es gibt keine andere Tageszeitung, in der in einer wöchentlichen Kolumne am Freitag ein Thema zu Fanthemen erscheint. Für viele Zeitungen ist es entweder nicht spektakulär genug oder eben nicht von Interesse. Und das Schöne an der Zusammenarbeit mit der „Jungen Welt“ ist auch, dass es seitens der Zeitung keinerlei Vorgaben gibt. Einzig die Länge ist vorgeschrieben. Sonst habe ich völlig freie Hand bei der Themenauswahl und der Darstellung meiner Meinung. Denn es ist eben eine Kolumne und nicht ein journalistischer objektiver darzustellender Beitrag. Eine Kolumne ist immer subjektiv und gibt die Meinung des Kolumnisten wieder. Und dafür bin ich den Machern bei der „Jungen Welt“ sehr dankbar und hoffe auf noch viele Kolumnen. Denn der Irrsinn Fußball oder auch meine berufliche Tätigkeit als Rechtsanwalt, der sich tagtäglich mit Fanthemen und Fanrechten beschäftigt, gibt mir jede Woche neue Ansatzpunkte für die Kolumne.

 

Beim BFC bist du schon ewig verwurzelt. Kannst du mal deine BFC-Vita umreißen?

Ich bin im Jahre 1972 das erste Mal mit meinem Großvater zum BFC gegangen. Er hat mich mit dem Fußballvirus infiziert. Als ich älter wurde, bin ich dann natürlich alleine hingegangen und wurde zum aktiven Fan mit allem, was dazu gehört. Trotz Schule am Samstag zur damaligen Zeit versuchte ich stets, jedes Spiel Heim wie Auswärts mitzunehmen. Die gesamte Freizeitgestaltung war am Spielplan orientiert. Wenn man nicht im Nachwuchs Spieler war, durfte man aber erst mit 14 Jahren passives Mitglied werden. Also bin ich an meinem 14. Geburtstag in den Verein eingetreten, war nie weg und bin bis heute seit mehr als 43 Jahren Vereinsmitglied. Für einige Monate war ich vor mehr als 20 Jahren sogar mal kurzzeitig Vizepräsident. Heute versuche ich mich als Fan, Mitglied, Sponsor und Rechtsanwalt in den Verein einzubringen ohne allerdings eine Funktion auszuüben. Ich bilde mir aber schon ein, auch aufgrund der langen Mitgliedschaft gut im Verein vernetzt und verankert zu sein. Eine kleine Tradition ist es vielleicht auch, dass ich seit Jahren die Mitgliederversammlung leite u.a. auch 1999 als aus dem in FC Berlin umbenannte Verein wieder der BFC Dynamo wurde. Darüber hinaus steht meine Kanzlei dem Verein beratend zur Seite und wir treten bei verschiedenen Projekten als Sponsor auf.  Auch in meinem im März erschienenen Buch „Beim Fananwalt“ spielt natürlich der BFC Dynamo eine große Rolle.

  

Der BFC hatte zu DDR-Zeiten ein schlechtes Image und auch in der Gegenwart gibt es immer wieder Vorbehalte gegen „deinen“ Klub. Zu Recht oder Unrecht? Wie siehst du das, was stimmt, was nicht und wie gehst du damit um? 

Der BFC ist wie so viele Vereine ein Spiegelbild der Gesellschaft mit all ihren Facetten. Über die Vergangenheit zu DDR-Zeiten muss man nicht viel sagen. Die ist bekannt und das kann jeder nachlesen oder sich von alten Fans wie mir erzählen lassen. Auch die großen Probleme mit Gewalt Anfang der 90er Jahre sind bekannt. Aber der Verein und seine Mitglieder haben sich verändert. So wie sich die Gesellschaft verändert. Wenn ich daran denke, wie die Zuschauer bei Heimspielen in den 90er Jahren zusammengesetzt waren, hat das nichts mehr mit den Fans und Zuschauern zu tun, die jetzt so zahlreich ins Sportforum kommen. Es sind erfreulicherweise viele junge Fans da und natürlich auch viele Familien. Und wer heute noch immer wieder mit den alten Geschichten anfängt und diese ohne Detailwissen auf die heutige Zeit projiziert, den lade ich gerne ein, ins Sportforum zu kommen und sich selbst ein Bild zu machen. Aber eins ist auch klar. Schon aufgrund unserer Geschichte sind wir kein normaler Verein und wollen es auch nicht sein. Der BFC ist speziell und wer ihn nicht hasst, liebt ihn. Dazwischen gibt es wohl nichts. Mit einem Augenzwinkern sagen wir immer: „Heimlich liebt den BFC doch jeder.“

 

Seit der Insolvenz 2001 und dem damit verbundenen Abstieg in die 6. Liga geht es kontinuierlich bergauf. Dieses Frühjahr wäre um ein Haar der Sprung in die 3. Liga geglückt. Wie siehst du die vergangenen rund 20 Jahre im Rückblick? Was gab es für Meilensteine, was wurde richtig gemacht? 

Die damalige Insolvenz war für mich das Schlimmste als Vereinsmitglied. Wir standen nicht weit davon entfernt, gänzlich aufgelöst zu werden. Aber allein die Fans und die Mitglieder haben es ohne Hilfe von außen, wie es bei manch anderen Verein in der Stadt war, geschafft, den Verein zu retten. Und das sitzt bei uns Alten immer noch sehr tief. Niemand braucht noch einmal solch eine Situation. Und ich denke, dass wir da mit unserem Präsidium und Wirtschaftsrat auch gut aufgestellt sind. Dort arbeiten seit vielen Jahren BFCer mit Herz. Sie haben die BFC-Seele verinnerlicht und würden den Verein nie im Stich lassen. Nicht nur ich, sondern sehr viele Mitglieder und Fans haben allergrößtes Vertrauen zu den handelnden Personen. Probleme werden nicht wie früher in der Öffentlichkeit ausgetragen, sondern sachlich im guten Miteinander in offenen Diskussionen. Das sieht man auch an der der kontinuierlich steigenden Zahl der Mitglieder nicht nur im Bereich der aktiven Spieler im Nachwuchs, sondern auch im passiven Bereich der „normalen Mitglieder“. Im sportlichen Bereich gab es seit der Insolvenz so einige Erfolge oder Meilensteine. Dazu zähle ich zunächst den Aufstieg in die Regionalliga und die zahlreichen Pokaltriumphe im Berliner Landespokal, denen dann meist attraktive Spiele in der 1. Runde des DFB-Pokals folgten, beispielsweise die Spiele gegen Schalke, den 1. FC Köln oder den VfB Stuttgart in der letzten Saison. Ich denke zum Erfolg zählt aber auch die kontinuierlich gute Arbeit im Nachwuchs. Schließlich spielt u.a. die A-Jugend jetzt bereits viele Jahre ununterbrochen in der zweithöchsten Spielklasse dieses Jahrgangs, der Regionalliga. Viele Kinder und Jugendliche haben im Verein ihre Heimat gefunden und tragen das BFC-Emblem mit Stolz auf der Brust.

 

Wie hat sich die finanzielle Situation entwickelt, wie ist der Klub derzeit aufgestellt und was beherzigt er?

Da ich keine Vereinsfunktion habe, kenne ich natürlich nicht die finanziellen Interna. Aber wie man an der Entwicklung der letzten Jahre sieht, machen die handelnden Personen wohl nicht so viel verkehrt. Der Verein ist schuldenfrei und ich habe allergrößten Respekt vor solchen Personen wie unserem Präsidenten Norbert Uhlig oder dem Wirtschaftsratsvorsitzenden Peter Meyer. Was sie im Ehrenamt in unserem Verein leisten, ist einfach nur als grandios zu bezeichnen. 

 

Für die Lizenzierung zur 3. Liga verlangte der DFB eine Bürgschaft in Höhe von 900.000 Euro. Gerechtfertigt? Wie schwierig war es, diese zu hinterlegen? 

Warum es genau zu der geforderten Bürgschaft kam, können nur die verantwortlichen DFB-Funktionäre begründen. Fakt ist aber auch, dass der Verein sich davon nicht hat herunterziehen lassen. Es gab einen Ruck im Verein, angefangen von den Vereinsfunktionären, den zahlreichen Sponsoren bis zu den Fans und Mitgliedern. Auch wenn es schwer war, hatte jeder die Überzeugung, dass wir das aufgrund unseres Zusammenhalts schaffen werden. Keiner hat gejammert. Beim BFC wurde einfach gemacht. Und das Erstaunliche dabei war dann aber auch, dass von Fußballfans aus der gesamten Republik Gelder eingingen. Anscheinend liebt vielleicht heimlich nicht jeder den BFC aber doch Viele.

 

Vor einigen Jahren spielte der BFC vor wenigen hundert Zuschauern. Sind in den letzten Jahren Fans zurückgekommen oder ist der überwiegende Teil eher neu dabei? Wie steht’s mit den Ultras oder der Fraktion-H?

Schon die Zuschauerzahlen der letzten Jahre insgesamt aber auch bei einzelnen Spielen zeigen, dass die Fans da sind wenn es darauf ankommt. Potenzial nach oben hat man immer. Aber aufgrund unserer Geschichte fehlt uns eben auch eine ganze Fangeneration. In den 90ern ging man als junger Berliner Fan ins Olympiastadion oder es wurde hip, nach Köpenick zu gehen. Wir waren das Schmuddelkind der Stadt und bei uns waren Altlüdersdorf oder Bautzen zu Gast, woanders Bayern oder Dortmund. Aber ich freue mich als alter BFCer sehr darüber, dass immer mehr junge Fans ins Sportforum kommen, die dann in weiten Teilen zu den Ultras oder der Fraktion H stoßen. Meine und die Unterstützung der alten Garde haben sie. Sie wissen, dass sie mit jedem Problem zu mir als Fan und Mitglied aber auch als Fananwalt kommen können. Und wie sich die Zusammensetzung der Zuschauer im Sportforum geändert hat, sieht man auch daran, dass es direkt neben der Tribüne einen Familienblock gibt oder sich hinter der Haupttribüne ein Spielplatz befindet, der im Übrigen von Sponsoren des Vereins errichtet wurde.

 

Kannst du etwas zur Stadionfrage sagen? Wo hätte der BFC 3. Liga gespielt, kommende Spielzeit bleibt’s beim Sportforum und wo die nächsten Jahre? 

Zunächst an dieser Stelle noch einmal ein sarkastisches Danke an den DFB für diese Aufstiegsregelung mit den Relegationsspielen. Das können sich nur Funktionäre ausgedacht haben, die noch nie eine Turnhose anhatten. Wenn man über eine ganze Saison Leistung bringt und Meister wird, muss man einfach aufsteigen. Etwas anderes darf es weder im Fußball noch sonst im Sport geben. Leider haben wir es aber sportlich gegen Oldenburg nicht geschafft. Ich gönne es Oldenburg, da sie als alter Traditionsverein auch wie wir lange darauf hingearbeitet haben, wieder in den Profifußball zu kommen. Aber wäre der Coup gelungen, hätten wir die Heimspiele in der 3. Liga im Jahnsportpark austragen müssen, da das Sportforum nicht drittligatauglich gewesen wäre. Für die Regionalliga reicht es und so werden wir auch nächste Saison die Heimspiele im Sportforum austragen.

 

Wie hart würde dich persönlich ein Auszug aus dem Sportforum gegebenenfalls treffen? 

Sehr hart. Das Sportforum ist und bleibt unsere Heimat. Hier wurde der Verein gegründet, hier war immer die Geschäftsstelle, hier spielen und trainieren alle Mannschaften. Es gibt keinen anderen Ort in dieser Stadt, an den der BFC gehört. Hier schlägt das Herz des Vereins und nirgendwo anders. Ich hoffe immer noch, dass der Senat von Berlin, in dessen Eigentum das gesamte Sportforum mit all seinen Sportarten und der Sportschule stehen, zur Vernunft kommt und dies begreift. Aus meiner Sicht dürfte es weder rechtlich noch baulich ein Hexenwerk sein, aus dem jetzigen Stadion im Sportforum ein kleines schickes drittligareifes Stadion zu machen. In dieser Stadt werden an jeder Ecke Millionen in die Luft geblasen. Man schaue sich nur das Trauerspiel um den Umbau des Jahnsportparks an. Ich will gar nicht wissen, wieviel Geld da schon mit endlosen Planungen verbrannt wurde, ohne dass auch nur ein Stein zum Umbau bewegt wurde. Und da kann es doch nicht sein, dass für einen relativ überschaubaren Betrag es nicht möglich sein soll, das Stadion im Sportforum herzurichten. Es muss nur einfach mal dazu der politische Wille da sein. Dann wird es schon. Am Verein, seinen Fans und Mitgliedern soll es nicht liegen, wenn tatkräftige Hände gebraucht werden. Das sieht man ja auch immer wieder an einzelnen Projekten. Seien es die steten Arbeitseinsätze im Stadion, der bauliche Erhalt des Vereinsheims oder des VIP-Raumes. Überall rücken stets Fans und Sponsoren des Vereins an, um alles am Leben zu halten. Der Zusammenhalt ist auch in dieser Frage sehr groß.

 

Hat dich die Regionalliga-Meisterschaft 2021/22 überrascht oder kam sie für dich erwartet?

Erwartet kam sie für mich jedenfalls nicht. Ich hatte schon gehofft, dass wir mit diesem gewachsenen Kader oben mitspielen können. Aber dass es die Meisterschaft werden kann, daran habe ich auch erst so richtig in der Winterpause geglaubt. Trotz verpassten Aufstiegs bleibt es der größte sportliche Erfolg der letzten Jahrzehnte. Das lasse ich mir auch von keinem Neider schlechtreden.

 

Wie schwer hat den BFC der verpasste Sprung in die 3. Liga mitgenommen? Nachhaltig oder kann und soll noch einmal zeitnah angegriffen werden? Wie hat sich der Kader entwickelt bzw. wie wird er sich noch entwickeln?

Zunächst wird der verpasste Aufstieg schon noch wirken. Das ist doch ganz klar. Aber davon dürfen wir uns nicht runterziehen lassen. Gejammere gab es beim BFC ohnehin noch nie. Und so wird es auch jetzt sein. So wie der Verein insgesamt aufgestellt ist, kann es kein Zurück mehr geben. Wir schauen nach vorne. Es macht derzeit einfach einen Riesenspaß, ins Sportforum zu gehen und diesen Verein auch bei anderen Veranstaltungen gemeinsam mit den Fans und Mitgliedern zu erleben. Unser Fanbeauftragter Rainer Lüdtke hat vor kurzem mal gesagt, dass er sich so wohl im ganzen Verein fühlt, wie seit langer Zeit nicht mehr. Mir geht es da nicht anders. Und wenn das zwei Mittfünfziger sagen, muss ja etwas dran sein.

 

Ist die Trennung von Trainer Christian Benbennek nach dem Nichtaufstieg nachvollziehbar und was hältst du vom neuen Coach Heiner Backhaus?

Die Trennung von Christian Benbennek war sicherlich schmerzhaft, da er in den letzten Jahren sehr gute Arbeit gemacht hat und auch die BFC-DNA begriffen hatte. Dennoch hat sich die sportliche Leitung dazu entschieden. Das haben wir zu akzeptieren. Mehr kann ich als Fan und Mitglied dazu gar nicht sagen. Da man aber in den letzten Jahren nicht oft bei sportlichen Entscheidungen daneben lag, habe ich auch jetzt großes Vertrauen in die Entscheidungen von Präsidium und Wirtschaftrat. Auch bei uns gilt der Grundsatz wie überall, dass jeder Neue seine Chance verdient hat ohne ihn im vornherein zu verteufeln. Ich bin nicht nur gespannt auf die neue Saison, sondern ich freue mich riesig.

 

Mit Matthias Steinborn wurde der Vertrag eines Publikumslieblings nicht verlängert. „Fußball ist eine Prostituierte“, sagte dieser. Wie siehst du die Personalie?

Er ist bei uns groß geworden und hat auch lange bei uns gespielt. Man darf aber auch nicht vergessen, dass er zwischendurch für viele Jahre immer wieder weg war. Erst in Magdeburg, dann in Babelsberg und schließlich bei Lok. Ich habe aber schon das Gefühl, dass er den Verein liebt. Aber in unserer heutigen Zeit geht es weniger um Gefühle. Über allen muss der Erfolg des Vereins stehen. Wenn sich die sportliche Leitung zu diesem Schritt entschieden hat, wird es Gründe geben, die wir Fans zu akzeptieren haben. Es schmerzt schon ein wenig, eine Identifikationsfigur zu verlieren, aber wir sind ja alle nicht aus der Welt. Steini ist über 30 und wird auch keine zehn Jahre mehr Fußball spielen. Vielleicht kommt er ja nach seiner Karriere zurück ins Sportforum, in welcher Funktion auch immer.

 

In welcher Reihenfolge erwartest du welche Mannschaften im Liga-Tableau am Ende vorne. Zähl mal auf, bis du beim BFC ankommst. 

Die Antwort ist kurz: BFC Dynamo

Es wird aber extrem eng, da diese Liga brutal stark ist. In welcher Regionalliga außer vielleicht im Westen spielen so viele Traditionsvereine, die teilweise schon viele Spiele im Europapokal verbrachten wie Lok, Jena, Chemnitz oder Cottbus? Dazu kommen dann enorm starke Mannschaften wie BAK, Altglienicke, Viktoria oder Babelsberg. Wenn ich aber an die vielen Höhepunkte und Niederlagen in meiner Fankarriere denke, kann mich nichts erschüttern. Ich bleibe Optimist und bin immer da.

 

Andreas Gläser - der Fanzinemacher

Andreas, zunächst zu deiner Person: Du hast das Buch „Der BFC war schuld am Mauerbau“ verfasst und schreibst regelmäßig unter www.baufresse.de. Beim BFC bist du schon ewig verwurzelt. Kannst du mal deine BFC-Vita umreißen?

 Ende ´77 sah ich mein erstes Spiel im Cantianstadion gegen Vorwärts Frankfurt/Oder, es folgten einige Jahre der Fan-Karriere. Mitte der ´80er hatte ich  keinen Bock mehr darauf und sah eher selten vom Rentnerblock aus zu. Ich bin seit etwa ´93 wieder dabei, habe für verschiedene Fanzines geschrieben. 2002 kam mein erwähntes Buch-Debut. 2007 habe ich am Theaterstück „Dynamoland“ mitgewirkt. Zwischen 2008 und 2014 brachten einige Freunde und ich das BFC-Fanzine „Zugriff“ heraus, seitdem lasse ich es ruhiger angehen. Ich bin Stammzuschauer, meistens ohne Dauerkarte. Als Ex-DDRler stehe ich gerne an. 

 

Der BFC hatte zu DDR-Zeiten ein schlechtes Image und auch in der Gegenwart gibt es immer wieder Vorbehalte gegen „deinen“ Klub. Zu Recht oder Unrecht? Wie siehst du das, was stimmt, was nicht und wie gehst du damit um? 

Der Spruch auf dem Transparent trifft es ganz gut: „Euer Hass macht uns stärker“. Klar, früher war der BFC der Stasi-Klub, aber die ganze DDR war ein Stasi-Klub. Und was die Nazi-Nummer betrifft, so muss man beim BFC sicher nicht viel dafür tun, um als Linker zu gelten; aber wenn man dann einer ist, passiert nicht zwangsläufig das große Unheil. Da gibt es in Berlin ganz andere no go areas, die aber wohl als „politisch-korrekt“ durchgehen. Im „Dynamoland“ haben wir einige Themen aufgegriffen, nach jeder der zehn Aufführungen gab es eine Publikumsdiskussion, bei der erwartet wurde, dass die Darsteller alles wiederkäuen und sich selbst kasteien. Das Volk will seinen Glauben an Gut und Böse ausleben, bis heute, bis übermorgen … An Image-Kampagnen glaubt beim BFC niemand, und man hat diesen Klimbim nach meiner Vermutung genauso wenig drauf wie es bei Hertha BSC der Fall ist. Nur der sportliche Erfolg lässt plötzlich einige 1.000 Leute zusätzlich vorbei schauen. 

 

Seit der Insolvenz 2001 und dem damit verbundenen Abstieg in die 6. Liga geht es kontinuierlich bergauf. Dieses Frühjahr wäre um ein Haar der Sprung in die 3. Liga geglückt. Wie siehst du die vergangenen rund 20 Jahre im Rückblick? Was gab es für Meilensteine, was wurde richtig gemacht? 

Die Insolvenz brach über den BFC herein, weil der Hauptsponsor ins Schlittern kam. Heute ist der Verein breiter aufgestellt, mit Leuten, die dem BFC seit Jahrzehnten nahe stehen und es wirtschaftlich drauf haben. Da geht die dauerhafte Stabilität vor dem schnellen sportlichen Erfolg, der sich auch einstellt, wenn vernünftig gewirtschaftet wird. Dafür sprechen einige Landespokalsiege. 

 

Wie hat sich die finanzielle Situation entwickelt, wie ist der Klub derzeit aufgestellt und was beherzigt er? 

Nach meinem Kenntnisstand dürfen die Fußballer davon ausgehen, dass beim BFC pünktlich gezahlt wird. Vom Insolvenzverfahren, das zwischenzeitlich ein zweites Mal drohte, in die Schuldenfreiheit, das ist doch schon mal was. Vor Jahren wollten einige Herren in Hohenschönhausen ganz groß rauskommen, man hat sie mit ihren Millionen aber nach Charlottenburg delegiert, wo sie TeBe in die Insolvenz lancierten. Derartiges Ungemach drohte wohl nicht nur einmal. 

 

Für die Lizenzierung zur 3. Liga verlangte der DFB eine Bürgschaft in Höhe von 900.000 Euro. Gerechtfertigt? Wie schwierig war es, diese zu hinterlegen? 

Ungerechtfertigt, denn der BFC bekam diese Bürgschaft nach meinem Verständnis aufgebrummt, weil der DFB einige Zeit zuvor Probleme mit Türkgücü München, Krefeld und anderen hatte. 900.000 hat man beim BFC auch nicht in der Fan-Shop-Schublade, aber dem BFC sind solche Gemeinheiten nicht ganz neu; man hat gelernt, damit umzugehen. 

 

Vor einigen Jahren spielte der BFC vor wenigen hundert Zuschauern. Sind in den letzten Jahren Fans zurückgekommen oder ist der überwiegende Teil eher neu dabei? Wie steht’s mit den Ultras oder der Fraktion-H? 

In der letzten Saison sind dank des sportlichen Teilerfolges sicher einige ältere Fans häufiger als in den Jahren zuvor vorbei gekommen. Man sieht auch viele neue Gesichter unter den meist 1.500. Auch unsere semi-jugendlichen Stimmungsabteilungen dürften einen gewissen Zulauf erfahren haben. 

 

Wie hart würde dich persönlich ein Auszug aus dem Sportforum gegebenenfalls treffen? 

Die Hohenschönhausener müssen ein vernünftiges Stadion in Hohenschönhausen haben. Diese nordöstliche Gegend Berlins hat 300.000 Einwohner. Sozusagen ein Städtchen für sich. Im Sportforum kann man sich mit einer normalen Karte weitestgehend frei bewegen, es gibt kaum diese blöden Sitzschalen; der Himmel ist grau, die Gäste kommen nicht gerne – die Zeit scheint so wunderbar stehengeblieben zu sein. 

 

Hat dich die Regionalliga-Meisterschaft 2021/22 überrascht oder kam sie für dich erwartet?

Sie kam nicht nur für mich ziemlich überraschend. Die Ansage, oben mitspielen zu wollen, hat ja schon Tradition, aber der Königstransfer von Christian Beck und der professionelle Umgang mit der ersten sportlichen Mini-Krise ließen erahnen, dass der Verein in der abgelaufenen Saison mehr wollte. 

 

Wie schwer hat den BFC der verpasste Sprung in die 3. Liga mitgenommen? Nachhaltig oder kann und soll noch einmal zeitnah angegriffen werden? Wie hat sich der Kader entwickelt bzw. wie wird er sich noch entwickeln? 

Die letzten Spiele hatten etwas Bedrohliches im Hinblick auf die anstehende Relegation. Und auch wenn man es beim BFC beschworen hatte, Oldenburg konzentriert anzugehen, das 0:2 im Hinspiel, in Hohenschönhausen ... Dass auswärts die Sensation nicht glückte, war nicht überraschend; aber 1:2, wir waren dabei. Der Verein hat durchblicken lassen, dass er in der kommenden Saison eine Mannschaft aufbauen will, die übernächste Saison aufsteigt. 

 

Ist die Trennung von Trainer Christian Benbennek nach dem Nichtaufstieg nachvollziehbar und was hältst du vom neuen Coach Heiner Backhaus?

Christian Benbennek werden wir dank seiner drei Jahre in guter Erinnerung behalten. Er hat sich mit dem BFC identifiziert und wusste ihn voran zu bringen. Heiner Backhaus hat einige kurze Stationen hinter sich und kommt weltgewandt rüber. Nach dem ersten Oh-Gott,-oh-Gott bin ich optimistisch, da der Verein in den letzten Jahren einiges richtig machte. 

 

Mit Matthias Steinborn wurde der Vertrag eines Publikumslieblings nicht verlängert. „Fußball ist eine Prostituierte“, sagte dieser. Wie siehst du die Personalie? 

Matthias Steinborn hätte ich gerne weiterhin beim BFC gesehen, mit ihm kam in allen Belangen mehr Stimmung auf und zu alt schien er mir nicht zu sein.  

 

In welcher Reihenfolge erwartest du welche Mannschaften im Liga-Tableau am Ende vorne. Zähl mal auf, bis du beim BFC ankommst. 

Carl Zeiss Jena, ?, ?, BFC Dynamo … 

 

Wo befinden sich deiner Meinung nach die größten Baustellen? Im Kader und generell im Verein? 

Das Stadion scheint mir das Kardinalproblem zu sein, in unserer heißen Hauptstadt mit den unfähigen Entscheidungsträgern. Hauptsache, es gibt immer schöne Ausschreibungen, tolle Symbol-Demokratie. Diese von sonst wo Kommenden schwadronieren über die Entwicklung des Sportforums, vergessen beim Olympiastützpunkt und wohl größten zusammenhängenden Sportkomplex aber fast die Stadionfrage für die Sportart Nummer Eins. Der BFC, bzw. die Fan-Szene, ist mir da auch zu ruhig. Vor 20 Jahren ist man noch auf die Straße gegangen und vom Sportforum zum Roten Rathaus spaziert. Wir sind älter geworden, ich auch … 

 

Wie würdest du den BFC als Verein beschreiben, wie seine Fans und wie dich selbst als BFC-Fan? Was kennzeichnet den BFC und was zeichnet ihn besonders aus? 

Der BFC ist, wie der Name schon verrät, ein Berliner Fußballclub, und was anderes sollte er in erster Linie gar nicht sein. Die Fans verkörpern für mich einen Teil der totgesagten Arbeiterklasse. Man sagt dem Verein eine weit verbreitete Rechtslastigkeit nach. Ich denke, dass verschiedene Seiten das Thema zu händeln wissen. Das Publikum ist zu einem Großteil männlich und spricht mit der Berliner Großschnauze kurze Sätze. Man schließt aber niemanden aus, die Hippies schließen sich selber aus. Ein Lockerungsbier auf dem Weg zum Stadion bewirkt Wunder. Ich halte nichts von diesen Gleichsetzungen irgendwelcher Vereine mit politischen Strömungen. Ich bin Fan. Punkt. Den BFC zeichnet der Zusammenhalt der mehr oder weniger wohlhabenden Fans aus, ohne den, ohne die, er schon dreimal verschwunden wäre. Dafür wird er von vielen Fans der alten Rivalen auch geachtet.