ZEITSPIEL weekly

4.12.2023

 

Fußball, Diplomatie und ein ungewöhnlicher Spielort

 

Von Johannes Brattke

  

Es ist ein eiskalter Dienstagabend im November in Berlin. Am Haupteingang des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses sitzt der Pförtner und lässt sich Personaldokumente vorzeigen. Das Gebäude gehört zum Parlamentsviertel, hier befinden sich unter anderem Sitzungssäle und Fraktionsräume des Deutschen Bundestages. Es kommt nur rein, wer sich ausweisen kann und eine Erlaubnis hat, das Gebäude zu betreten.

Es ist bald 18 Uhr, eigentlich sollten mehr Leute das Haus verlassen, als reingehen. Aber an diesem Abend kommt es zum Stau beim Empfang, über 30 Leute wollen ins Haus. Denn hier soll gleich ein Fußballspiel starten. In einem Bürogebäude? Man kann es sich von außen nicht vorstellen. Nachdem Personalausweis-Kontrolle und Sicherheitsschleuse erfolgreich absolviert sind, heißt es warten, bevor man von Hauspersonal ins Untergeschoss geführt wird, wo sich die hauseigene Sporthalle befindet. Einige Menschen in grün-weißen Deutschland-Trikots mit DFB-Logo und den fünf Sternen machen sich bereits warm. Auf ihren Rücken steht: FC Bundestag. Was ist hier los?

Fünfzig Jahre zurück. Die Europäische Gemeinschaft, kurz EG (Vorläufer der EU), bekommt 1973 drei neue Mitglieder: das Königreich Dänemark, die Republik Irland und das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland. Seitdem ist viel passiert in Europa und der Welt. Dänemark und Irland sind noch immer Teil der Europäischen Staatengemeinschaft. Das Königreich hatte keine Lust aufs 50-jährige Jubiläum und verließ die EU vor drei Jahren. 


In der Gegenwart wollten die Botschaften Dänemarks und Irlands ihr gemeinsames Mitgliedsjubiläum –  abgesehen von allen offiziellen Festivitäten und Zeremonien – auf eine andere Art zelebrieren: und das gemeinsam. Nämlich mit einem Fußballspiel. Am 28. November 2023 war daher im Kleinen Stadion des Jahn-Sportparks zu Berlin das Spiel Irland und Dänemark – Team EU50 gegen FC Bundestag angesetzt, Untertitel: "Spiel zum 50-jährigen EU-Jubiläum von Irland und Dänemark".

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der beiden Botschaften stellten gemeinsam ein Mixed-Team und wollten gegen den FC Bundestag spielen, das Freizeitfußball-Team der Abgeordneten (Männer und Frauen) des Deutschen Bundestages. Extra Trikots wurden produziert, in den Farben der Europafahne, mit Aufdruck der Flaggen und Logo. Als Schiri wurde die 79-jährige Schiedsrichter-Legende Dieter Reichel verpflichtet. Die dänische Botschafterin Susanne Hyldelund und der irische Botschafter Nicholas O’Brien hatten zugesagt, und die Werbetrommel für das Spiel wurde gerührt. Doch dann fielen am Vortag des Spiels in Berlin ein paar Schneeflocken und das bedeutet in der Hauptstadt naturgemäß: Sperrung aller Fußballplätze. Ausfallen sollte das Spiel aber nicht, und so wurde es auf Initiative des FC Bundestag in deren hauseigene Sporthalle verlegt. Kleinfeld, aber dafür indoor.

Laufpublikum war damit ausgeschlossen, denn dort darf nur rein, wer über eine Einladung verfügt und sich am Empfang ausweisen kann. Immerhin aber konnte gespielt werden! Nach dem obligatorischen Gruppenfoto verständigte man sich aufs Spielformat („Ist ja bloß Kleinfeld, spieln wir einfach bis um acht durch.“) und los ging’s. Der sportliche Wert litt unter der Verlegung natürlich, aber alle Anwesenden waren auch ein wenig froh, sich nicht draußen die Füße abfrieren zu müssen. Es fielen viele Tore, und für einen Plausch am Rande mit Botschafterin Hyldelund (die sich, typisch dänisch, mit Vornamen vorstellte) und Botschafter O’Brien blieb auch Zeit. Beide gaben zu, dass sie Handball (Hyldelund) bzw. Hurling und Gaelic Football (O’Brien) eigentlich noch etwas lieber mögen als Fußball.

Zugleich tauschten sie sich über die Gemeinsamkeiten ihrer Länder (unter anderem ähnlich große Einwohnerzahl) und deren Rollen in der EU aus. Machten Parallelen zwischen ihrer Arbeit und dem Fußball aus („Diplomatie ist auch eine Teamanstrengung“). Susanne Hydelund hatte dann eine Geschichte auf Lager, die alles umfasste, was an diesem Abend relevant war: Dänemark, Irland und der Fußball. War sie doch am Tag des Fußball-EM-Finales 1992, an dem Dänemark bekanntlich als Sieger vom Platz ging, gerade in Dublin. In den Kneipen der Hauptstadt hatte sie danach für eine Woche keinen Geldbeutel mehr gebraucht, die Leute in Irland freuten sich so sehr für die Dänen, dass Hydelund nicht mehr zahlen durfte.


Das Spiel Irland und Dänemark gegen den FC Bundestag wird von Schiri Reichel derweil pünktlich nach 90 Minuten abgepfiffen, es soll schließlich alles korrekt sein. Offizieller Endstand: 20:10 für den FC Bundestag. Kaum eine Minute nach Spielende stehen alle Anwesenden zusammen, haben diverse Getränke in den Händen und es wird wieder einmal deutlich, dass der Fußball das eine, die anschließende gemeinsame Zeit aber das andere ist, natürlich. Will man den Begriff bemühen, dann war dieser Abend sicherlich gelebte Völkerverständigung.

 

Mehr über Dänemark, seinen Fußball und dessen Bedeutung in der nächsten Zeitspiel-Ausgabe

 

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