Zweite Mannschaften raus aus dem Unterbau!

Von Hardy Grüne (Zeitspiel-Ausgabe #24)
 
Neulich wurde mir vorgeworfen, ich würde über den FC Bayern München "hetzen", weil ich ihn nicht möge. Nun ist es so, dass ich „negative Emotionen“ eher für den Stadtrivalen meines Heimatvereins hege. Allenfalls das zweite Team aus meiner einstigen Wahlheimat Bristol weckt in mir noch Gefühle, die nicht ganz stubenrein sind. Die Bayern aber sind mir schnurz. Waren sie früher, sind sie mit uferlosem Kommerz und Dominanz noch viel mehr. Die Bayern spielen einfach nicht in meiner Liga.
Der Grund der Schelte war ein Facebook-Kommentar zur Absage zweier Spiele in der Regionalliga Bayern mit Beteiligung der zweiten Mannschaft des FC Bayern. Wir erinnern uns: das ist der seit einiger Zeit etwas hochtrabend "Campus" genannte Ableger des Rekordmeisters, der 2020 Meister der 3. Liga wurde, was seinerzeit Forderungen aufkommen ließ, auch zweite Mannschaften müssten das Recht auf den Aufstieg in die 2. Bundesliga haben. Ein Jahr später stieg der Vorjahrs-Zweitligaaspirant dann aus der 3. Liga ab und spielt seitdem in der Regionalliga. Dass zweite Mannschaften Wundertüten sind muss ich nicht betonen. Das nun aber Viertligaspiele von Reservemannschaften gegen Konkurrenten um die Meisterschaft – die SpVgg Bayreuth und Schweinfurt 05 nämlich – auf Antrag des FC Bayern verlegt werden, weil man insgesamt 24 (!) Nationalspieler abzustellen habe, erzürnt mich. Es ist ein weiteres Zeichen für die hochbrisante Spaltung des Fußballs, die längst auch auf Ligaebene vier, wo sich Fußball zwischen Profitum und engagiertem Nebenjobgekicke bewegt, angekommen ist.
Um es mal martialisch auszudrücken: die Waffengleichheit ist nicht mehr gegeben. Während Bayreuth und Schweinfurt mühsam ihre Etats zusammenkratzen, mit denen sie ihren Drittligatraum zu erfüllen versuchen, sie dabei in hohes Risiko gehen, denn sportlicher Erfolg ist nun mal nicht planbar, bedient man sich im Bayern-Campus an der goldenen Quelle. Finanziert von der Glitzerabteilung, die sich in der Champions League Jahr für Jahr die Taschen voll macht. Was in der Bundesliga gilt, gilt noch mehr für die Regionalliga: die Bayern sind eine Welt für sich, die mit der in Bayreuth oder Schweinfurt in keinerlei Hinsicht vergleichbar ist. Das gilt mit Abstrichen natürlich auch für die anderen "Zweiten" wie die des Hamburger SV oder des SC Freiburg, deren Spiele gegen den VfB Lübeck bzw. Eintracht Braunschweig ebenfalls abgesagt wurden, weil man "zu viele" U-Nationalspieler stellen musste. Braunschweig spielte übrigens letztes Jahr noch 2. Liga, Freiburg 4. Liga. Abgesagt wurde wegen Freiburg. Nein, es ist kein Bayern-Problem.
Allerdings fokussiert es sich dort. Denn was sich verändert hat, ist das Anspruchsdenken. Zweite Mannschaften spielen schon lange im Unterbau mit. Ich erinnere mich gut an Oberliga-Nord-Begegnungen mit meiner Mannschaft Göttingen 05 in den 1980ern gegen Werder Bremen II, bei denen wir immer zittern mussten, welche Profis eingesetzt werden. Je nachdem konnte es ein schlagbarer oder unschlagbarer Gegner sein. Aber Werder war nie Konkurrent um den Titel oder die Teilnahme zur Aufstiegsrunde. Wurde Bremen II Meister, rückte der Zweite nach. Diesen Luxus haben Bayreuth, Schweinfurt und Co. nicht. Sie haben den Bayern-Campus als echten Rivalen in der Liga. Und der will natürlich mit stärkster Kapelle in die Spitzenspiele um den Titel gehen. Es ist sicher keine Lösung, dass die kleinen Bayern quasi mit der Dritten auflaufen (die vermutlich immer noch stark genug wäre), denn auch das wäre Wettbewerbsverzerrung. Doch so bleiben Bayreuth und Co. nur die große Ohnmacht und mit ziemlicher Sicherheit die Erkenntnis, dass diese Saison eine verlorene sein wird, weil am Ende ohnehin die Meister-Bayern oben stehen. Denn da herrscht dieses neue Anspruchsdenken: die offensiv vorgetragenen Forderungen nach Aufstieg der Zweiten im Vorjahr, die Anträge auf Spielabsage wegen der Abstellungen (nochmal: 24 Nationalspieler, so viele dürften bei allen regulären Regionalligavereinen insgesamt nicht zusammenkommen!) nun. Die Bayern sind eine Klasse für sich und fordern zugleich gleiches Recht für alle; also auch für ihre Zweite. Im Grunde betrifft diese Einstellung auch meinen Kritiker, der sämtliche Rechte auch für die zweite Mannschaft seines fuballspielenden Wirtschaftsunternehmens erwartet und der beleidigt ist, wenn man auf die Schieflage hinweist.
Die Ausbildung von Nationalspielern und Akteuren für den Profimarkt ist zweifelsohne wichtig. Aber sie darf nicht weiter zu Lasten des Unterbaus gehen. Und deshalb: zweite Mannschaften raus aus dem Unterbau!