ZEITSPIEL Geschichte. Ausgabe #23

Nationalismus, die jugoslawische Frage, Tito und der Fußball

(Von Hardy Grüne)

Am 4. Mai 1980 standen sich im Plinada-Stadion von Split der NK Hajduk und Roter Stern Belgrad gegenüber. Man schrieb den 25. Spieltag. Die Zuschauerränge waren dicht gefüllt, beide Fangruppen hatten sich lange vor dem Anpfiff gegenseitig mit Beleidigungen, darunter auch nationalistischen, eingedeckt. Das jugoslawische Fernsehen übertrug live. Um 15:05 Uhr, es lief die 41. Spielminute und es stand noch 0:0, betraten drei Männer das Spielfeld und signalisierten Schiedsrichter Husref Muharemagić, die Partie zu unterbrechen. Der Bürgermeister von Split, Ante Skataretiko, ergriff das Stadionmikrofon und informierte die 35.000 Zuschauer: „Umreo drug Tito“ – der Genosse Tito ist gestorben.
Josip Broz, weltweit als Tito bekannter Gründervater der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, war seit langem krank gewesen. Sein Tod im Alter von 87 Jahren kam nicht als Überraschung, sondern als Erlösung. Und doch veränderte er alles. Der Augenblick seiner Bekanntgabe ist ein Moment, an den sich jeder Zeitzeuge aus Jugoslawien bis heute erinnert. In Split wurde das Spiel sofort abgebrochen. Alle Akteure versammelten sich im Mittelkreis. Einige weinten. Sie umarmten einander, traten vor das Publikum, in dem ebenfalls Menschen weinten. Gemeinsam sang man die Partisanenhymne „Druže Tito mi ti se kunemo, da sa tvoga puta ne skrenemo“ – „Genosse Tito, wir schwören Dir, dass wir von Deinem Weg nicht abweichen“. Bei Titos Beisetzung in Belgrad gehörte Zlatko Vujović, jugoslawischer Nationalspieler und Kapitän von Hajduk Split, zur Ehrenwache. Ein Land trauerte um einen Mann, mit dessen Tod auch die jugoslawische Idee von „Einigkeit und Brüderlichkeit“ starb.
Zu Titos zentralen Anliegen hatte die Überwindung der ethnischen, konfessionellen und sozialen Gräben auf dem Westbalkan gehört. Über mehr als 400 Jahre war ein Großteil der Region vom Osmanischen Reich beherrscht worden. Im Laufe des 19. Jahrhunderts konnten sich zunächst Serbien und Montenegro befreien, übernahm Serbien eine Vorreiterrolle im Unabhängigkeitskampf. Zugleich wuchs der Einfluss von Österreich-Ungarn, wurde Kroatien zur katholischen „Pufferzone“ zum östlich-orthodoxen Christentum und dem islamischen Süden. 1908 leibte sich Wien Bosnien-Herzegowina als Kondominium einseitig in die Habsburger Monarchie ein.
In den beiden Balkankriegen 1912-13 sowie dem Ersten Weltkrieg wurde das Ende der osmanischen Herrschaft endgültig besiegelt, und 1918 entstand das „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“, das bereits die Grenzen des späteren Jugoslawien umfasste. Vielfach waren die Grenzläufe allerdings umstritten, denn die ebenfalls neugebildeten Nachbarländer Tschechoslowakei und Rumänien sowie Ungarn und Italien mussten Gebiete abtreten, in denen es eine jugo-slawische (wörtlich: süd-slawische) Bevölkerungsmehrheit gab. Das neue Königreich war auch kein homogenes Staatsgebiet, sondern ein fragiles Gebilde aus Ethnien, Konfessionen, Sprachen, Alphabeten und großen sozialen sowie wirtschaftlichen Unterschieden. Innenpolitisch stand es zwischen zwei konkurrierenden Philosophien: der eines Bundesstaates der einzelnen Völker, die ihre nationale Autonomie behalten sollten, sowie der eines serbischen Zentralstaates mit Zentrum Belgrad, der die Vereinigung aller Gebiete anstrebte, in denen Serben lebten. Letzteres war das Modell, dem der serbische König Peter I. bzw. dessen Nachfolger Aleksandar I. schließlich folgte.

Erste Fußballhochburg Kroatien
Fußball war in den 1890er-Jahren durch ausländische Ingenieure und Fachleute auf den Westbalkan gelangt. Nach der Jahrhundertwende entwickelte sich in den von Österreich verwalteten Regionen Kroatien, Slowenien und Bosnien sowie im eigenständigen, aber mit Wien verbundenen Fürstentum Serbien ein auf die Städte beschränktes Vereinsnetz. Zur ersten Fußballhochburg wurde Zagreb. Dort entstand 1897 mit dem Hrvatski Akademski Športski Klub (HAŠK) ein im wohlhabenden Bildungsbürgertum verankerter Klub, der 1911 mit Građanski („Bürgerlich“) einen proletarisch(er) geprägten Konkurrenten erhielt. In Belgrad stieß der deutsche Student Hugo Buli 1896 erste Spielversuche an. Auch dort wurzelte Fußball zunächst im studentischen und bildungsbürgerlichen Umfeld. 1903 entstand der SK Soko, der sich später Beogradski Akademski ŠK nannte. 1911 folgte der dem Könighaus nahestehende Beogradski Sport-Klub (BSK), und im selben Jahr entstand mit dem SK Velika Srbija („Großserbien“) der Vorläufer des SK Jugoslavija, der nach dem Ersten Weltkrieg zum proletarisch(er) geprägten Gegenspieler des BSK wurde.
Weitere Fußballpioniere waren der 1911 in der dalmatischen Hafenstadt Split gegründete NK Hajduk, ein 1905 in Mostar gebildeter Schülerklub, auf den sich der heutige HŠK Zrinsjki beruft, oder der 1908 in Sarajevo von Studenten aufgestellte Đački Športski Klub („Schülersportklub“), der als erster Sportverein panslawische Werte sowie jugoslawische Identität anstelle von ethnischem Nationalismus propagierte. Dass die Gründer ihrer Zeit voraus waren, zeigte der Austritt vieler kroatischer Klubmitglieder im Jahr 1913, die anschließend den Hrvatski Športski Klub gründeten, der sich später Sarajevski Amaterski Športski Klub (SAŠK) nannte. Der ĐŠK änderte seinen Namen wiederum zunächst in Srpski Športski Klub (SŠK), ehe er nach dem Ersten Weltkrieg zum ŠK Slavija wurde. Der wiederum ist im Jahr 2021 Klub der bosnischen Serben der Stadt und hat sich damit monoethnisiert. Auch in der Hafenstadt Rijeka, im slowenischen Ljubljana (Laibach) sowie dem damals noch ungarischen Novi Sad wurde früh gekickt.
Das nach dem Ersten Weltkrieg gebildete Königreich Serbien, Kroatien und Slowenien stand vor großen Herausforderungen. Es musste historisch unterschiedliche Entwicklungen, Ethnien, Konfessionen, Währungen sowie Sprachen und schließlich sogar Alphabete miteinander verbinden. Das zeigte auch der Fußball, der im Westen des Landes „Nogomet“ und im Osten „Фудбал“ (Futbal/Fudbal) genannt wurde. Während sich Serbien, das während des Kriegs rund ein Viertel seiner Bevölkerung verloren hatte, zur politischen Führungsmacht aufschwang, stellte Kroatien die Entwicklungsbasis für den jugoslawischen Fußball. Im April 1919 wurde in Zagreb der Nationalverband JNS gegründet, und in der 1923 erstmals ausgespielten Landesmeisterschaft dominierten zunächst die Zagreber Mannschaften HAŠK, Građanski sowie Concordia. Fußball geriet jedoch rasch in den Machtkampf zwischen Kroaten und Serben. 1924 weihte Stjepan Radić, Führer der kroatischen Bauernpartei und Gegenspieler von König Aleksandar I., das neue Stadion von Građanski Zagreb ein, während der serbische König regelmäßig zu Gast beim Beogradski SK war und sich insgesamt bemühte, eine unverfängliche Nähe zum landesweit beliebten Volkssport herzustellen. Als Jugoslavija Belgrad 1924 erstmals Landesmeister wurde, erwarteten mehr als 10.000 Fans die Mannschaft auf dem Bahnhof und feierten den 2:1-Finalsieg über das kroatische Team von Hajduk
Split. Alle anderen Teilrepubliken spielten kaum eine Rolle im nationalen Spitzenfußball. Lediglich Ljubljana sowie Sarajevo konnten mit den Teams aus Zagreb, Belgrad und Split einigermaßen mithalten.

Machtkampf zwischen Serben und Kroaten
Jugoslawiens Landesauswahl, nach ihren blauen Jerseys „Plavi“ genannt, bestand lange ausnahmslos aus Kroaten und Serben. Beim ersten Spiel anlässlich der Olympischen Spiele 1920 in Antwerpen (0:7 gegen die Tschechoslowakei) stand lediglich ein Serbe im ansonsten kroatischen Team. Im Laufe der Zeit sollte die Auswahl zur Arena erbitterter nationaler Verteilungskämpfe zwischen Kroaten und Serben werden. Der Nationalismus war auch im Vereinsfußball nicht zu übersehen. Die Zagreber Klubs HAŠK und Građanski trugen ebenso wie Hajduk Split das kroatische Schachbrettsymbol in ihren Wappen, während sich ethnische Vielfalt und der Separatismus in der bosnischen Stadt Sarajevo in jeweils eigenständigen serbischen, kroatischen, muslimischen und jüdischen Vereinen widerspiegelten.
Mit Gründung späterer Spitzenklubs wie Mačva Šabac (1919), Željezničar Sarajevo (1921), Vardar Skopje, Velež Mostar und FK Priština (alle 1922), Radnički Niš (1923), Budućnost Podgorica (1925) oder Borac Banja Luka (1926) wurde Fußball in den 1920er-Jahren landesweit verankert. Fachkundige Trainer aus Budapest, Wien, Prag und Italien entwickelten unterdessen das spielerische Niveau, und im Mai 1929 fuhr die „Plavi“ einen historischen 3:1-Sieg in Frankreich ein. Das damalige Team um Torhüter Milovan Jakšić und Verteidiger Milutin Ivković gilt als die erste „Goldene Generation“ Jugoslawiens. Im selben Jahr erfuhr die Entwicklung auf dem Westbalkan allerdings einen herben Rückschlag, als das Land nach Ermordung mehrerer kroatischer Politiker, darunter Bauernpartei-Vorsitzender Stjepan Radić, in eine schwere Krise geriet. In Zagreb kam es zu Massendemonstrationen gegen die Monarchie, an denen auch die Mannschaft von Građanski teilnahm, während es beim Spiel zwischen Hajduk Split und Jugoslavija Belgrad zu Ausschreitungen kam.
König Aleksandar I. installierte anschließend eine serbisch dominierte Militärdiktatur und verstärkte trotz damit einhergehender Namensänderung des Landes in „Jugoslawien“ die Spaltung. Als Fußball-Nationalverband JNS seinen Sitz am 16. März 1930 nach einer umstrittenen Abstimmung von Zagreb nach Belgrad verlegte, kam es erneut zu kroatischen Protesten. Fußball war einer der wenigen Bereiche im Land gewesen, der noch nicht in Belgrad zentralisiert war. Nun dominierte auch dort Serbien. Bereits seit 1928 boykottierte Kroatien die gemeinsame Nationalmannschaft, weshalb 1930 auch keine Kroaten zur Weltmeisterschaft nach Uruguay reisten, wo Jugoslawien als eines von nur vier europäischen Ländern am ersten WM-Turnier der Geschichte teilnahm. Nach 30-tägiger Schiffsfahrt erreichte die serbische Auswahl in Montevideo mit Siegen über Brasilien (2:1) und Bolivien (4:0) das Halbfinale (1:6 gegen Uruguay) und bescherte Aleksandar I. damit einen wichtigen Propagandasieg im innerjugoslawischen Konflikt. Binnen nicht einmal zehn Jahren hatte Kroatien seine Führungsrolle im nationalen Fußball verloren. Unter den WM-Fahrern waren im Übrigen auch die Frankreichprofis Ivan „Ivica“ Bek (Sohn eines Deutschen und einer Tschechin, der später im französischen Widerstand als „Capitan Tito“ gegen die deutschen Faschisten kämpfte), Ljubiša Stefanović sowie Branislav Sekulić.
Der Zerfall des fragilen Völkerbündnisses beschleunigte sich in den 1930er-Jahren sowohl in der Politik als auch im Fußball. In Kroatien rief die einflussreiche Bauernpartei mit der „Hrvatska športska sloga“ eine nationale Sportorganisation ins Leben, die Kroatiens Weg in die fußballerische Eigenständigkeit führen wollte. Nach anfänglichem Zögern ging Slowenien einen ähnlichen Weg. Als König Aleksandar 1934 von kroatischen und mazedonischen Nationalisten bei einem Staatsbesuch im französischen Marseille auf offener Straße erschossen wurde, geriet Jugoslawien in eine existenzbedrohende Staatskrise. Die erneut ausnahmslos von Serben gebildete „Plavi“ feierte unterdessen am 18. Mai 1939 ihren bis dahin größten Tag, als sie das englische Profiteam um Stan Matthews vor 40.000 Zuschauern in Belgrad mit 2:1 besiegte.
Kurz darauf begann der Zweite Weltkrieg, in dem Jugoslawien unter die Kontrolle der Achsenmächte geriet und 1941 militärisch von der Wehrmacht angegriffen wurde. Während Serbien unter deutsche Militärverwaltung kam, entstand in Kroatien ein „Unabhängiger Staat Kroatien“ unter Führung der Ustaša („Aufständige“) genannten Faschisten, die brutal gegen Serben und andere Volksgruppen vorgingen. So wurde u. a. Ex-Nationalspieler Milutin Ivković als Widerstandskämpfer verhaftet und 1943 in einem KZ erschossen. Während Serbien bzw. Jugoslawien aus dem internationalen Fußball ausschied, wurde Kroatien, zu dem auch das Gebiet des heutigen Bosnien-Herzegowina gehörte, in die FIFA aufgenommen und traf am 15. Juni 1941 in Wien erstmals auf die großdeutsche Auswahl (5:1 für das Reich). Im Verlauf des Partisanenkampfes kam es zu zahlreichen Gräueltaten zwischen kroatischen Ustaša und nationalistischen serbischen Tschetniks, die 1991 nach dem Bruch Jugoslawiens wieder aufkochten.

„Einigkeit und Brüderlichkeit“ unter Tito
Nach Kriegsende kehrte der panslawische Traum unter Partisanenführer Tito im sozialistischen Gewand zurück. Josip Broz war 1892 in Kumrovec unweit der Grenze zwischen Kroatien und Slowenien zur Welt gekommen. 1934 wurde er Mitglied des Politbüros der seit 1921 verbotenen Kommunistischen Partei Jugoslawiens (KPJ) und nahm den Kampfnamen „Tito“ an. Während des Kriegs führte er die kommunistischen Partisanen und wurde 1945 zunächst Ministerpräsident und 1953 Staatspräsident des „Zweiten Jugoslawien“. Formell war Jugoslawien nun eine Föderation aus sechs Republiken und zwei autonomen Provinzen, die unter der Losung „Einigkeit und Brüderlichkeit“ standen und gemeinsam Fortschritt und Sozialismus anstrebten. Einzige Partei war Titos KP, jede Opposition wurde unterdrückt. Zunächst stand man an der Seite der Sowjetunion, ehe es 1948 zum Bruch mit Stalin kam und Jugoslawien fortan seinen eigenen Weg ging.
Im Gegensatz zu Despoten wie Enver Hoxha (Albanien) oder Nicolae Ceaușescu (Rumänien) galt der charismatische Tito als „sorgender Herrscher“, um den ein schon im Partisanenkampf begonnener Personenkult inszeniert wurde. 1946 wurde die während des Kriegs schwer beschädigte Stadt Podgorica in der Teilrepublik Montenegro sogar in „Titograd“ umbenannt. „Jugoslawien war zur Zeit seiner Regierung von ihm besessen“, schreibt Pero Simić in seinem Buch „Tito – Geheimnis des Jahrhunderts“: „Ihm gegenüber legten sie einen Eid ab, auf ihn waren sie stolz. Mit ihm haben sie sich identifiziert. In der Welt und im damaligen Jugoslawien war er ein wichtigeres Symbol als der Staat selbst.“ Titos Vision war die einer sozialistischen Gesellschaft, in der konfessionelle, ethnische und sprachliche Unterschiede dauerhaft überwunden werden. Die Basis bildete eine verbindende slawische Identität, die ein geeintes „Jugo-Slawien“ schaffen sollten. Eine zentrale Rolle bei der Überwindung nationaler Denkstrukturen kam der nachwachsenden Generation zu, über die Tito sagte: „Die Aufgabe der Jugend ist es, das Land zu erneuern und wiederherzustellen, zu lernen und sich körperlich zu entwickeln.“ In Arbeitsbrigaden engagierten sich damals junge Menschen aus allen Teilrepubliken am Wiederaufbau und überwanden zugleich ethnische, konfessionelle und soziale Gräben.
Sport spielte ebenfalls eine wichtige Rolle im jugoslawischen Versöhnungsprozess. Schon während des Partisanenkampfes hatte insbesondere Fußball in den befreiten Regionen die Bindung zur Bevölkerung gestärkt und Vertrauen geschaffen. „Sport, vor allem Fußball, schien ein ideales Werkzeug für die jugoslawische Nation zu sein, um sich wieder kennenzulernen“, urteilen die Historiker Zec und Paunović. Aushängeschild war Hajduk Split, das ab 1944 mit Titos ausdrücklicher Billigung als Partisanenmannschaft gegen Teams der Alliierten aufgelaufen war, statt einer Einladung in Italiens Serie A zu folgen. Nach dem Krieg sollte der Klub auf Titos Wunsch nach Belgrad verlegt und zum Armeeklub werden. Doch man weigerte sich und tauschte lediglich das Schachbrettmuster im Klubwappen durch den roten Stern des Kommunismus, während die neugegründete Sportgemeinschaft JSD Partizan die Rolle als Jugoslawiens Armeeklub übernahm.
Es gab es eine landesweite Förderung sowohl des Breiten- als auch Spitzensports, wobei letzterer durch internationale Erfolge als entscheidender Katalysator für die Ausbildung einer „jugo­slawischen Identität“ betrachtet wurde. Zwischen 1945 und 1955 verdoppelte sich die Zahl der Fußballvereine und Spieler, entstand ein „jugoslawischer“ Fußball. Ähnliches gelang auch in Disziplinen wie Basketball und Handball, die ebenfalls wichtige Rollen im Nationswerdungsprozess spielten. Strukturell kopierte man zunächst das sowjetische Sportmodell einer „Fiskultura“, das auf Amateursport mit politischem Erziehungsprogramm sowie Massenbewegungskultur basiert. Es passte zum Konzept des sozialistischen „Neuen Menschen“, das im Moskau nach der Oktoberrevolution ersonnen worden war und dem man auch in Jugoslawien folgte. Durch das Zusammenspiel von Politik, Wissenschaft und Kunst sollte ein „optimierter Mensch“ entstehen. 1923 hatte Leo Trotzki euphorisch geschrieben: „Der Mensch wird unvergleichlich viel stärker, klüger, feiner werden (…) der durchschnittliche Menschentyp wird sich bis zum Niveau eines Aristoteles, Goethe, Marx erheben.“
Landesweit entstanden Sportgemeinschaften, die mit Betrieben, Schulen, Universitäten oder Massenorganisationen verbunden waren und die bürgerlichen Vereine aus der Zwischenkriegszeit ablösten, die als „Kollaborateure“ zerschlagen wurden. Lediglich eine Handvoll ausgewählter Klubs wie Hajduk Split, Velež Mostar oder RNK Split, die im Partisanenkampf wichtige Rollen gespielt hatten, blieben erhalten. Zu den neuen Gemeinschaften gehörten Roter Stern und Partizan Belgrad sowie Dinamo Zagreb, Quasi-Nachfolger der Zagreber Vorkriegsmeister HAŠK und Građanski. Gemeinsam mit Hajduk Split bildeten sie künftig die „großen Vier“ des jugoslawischen Fußballs.

Legendärer Sieg über die UdSSR 1952
An der am 24. August 1946 gestarteten Nationalliga „Prva Liga/Прва Лига“ (Erste Liga) nahmen 14 Teams aus den Teilrepubliken Serbien (Partizan, Roter Stern sowie Metalac Belgrad, Spartak Subotica, 14. Oktobar Niš), Kroatien (Dinamo sowie Lokomotiva Zagreb, Hajduk Split, Kvarner Rijeka), Mazedonien (Pobeda Skopje), Montenegro (Budućnost Podgorica), Bosnien-Herzegowina (Željezničar Sarajevo), Slowenien (Nafta Lendava) sowie dem damals „Freien Territorium“ Trst/Trieste (Poncjiana) teil. Wenngleich die neuen Sportgemeinschaften auf dem Papier dem Gebot „Einigkeit und Brüderlichkeit“ folgten, gab es Unterschiede. Als der „jugoslawischste“ Klub galt Armeeverein Partizan, wohingegen Stadtrivale Roter Stern, von Studenten gegründet und der Polizei bzw. dem Innenministerium unterstellt, überwiegend von serbischen Politikern unterstützt wurde.
Di­namo Zagreb wiederum lag in den Händen kroatischer Funktionäre vorrangig aus dem Sicherheitsapparat. Hajduk Split repräsentierte Dalmatien, Željezničar das multiethnische Sarajevo.
Vor allem in den ersten Nachkriegsjahren waren Nationalismus und die Wunden, die der Zweite Weltkrieg zwischen die Ethnien geschlagen hatte, noch überall auf den Rängen sicht- und vor allem hörbar. Robert Edelmann, renommierter Forscher zum Sport in den sozialistischen Ländern: „Im Sport zeigen die Leute auch in angepassten und unterdrückten Gesellschaften oft ihre wahren Gefühle.“ Fußball diente als Sprachrohr für jenen spaltenden Nationalstolz, den Tito als Patriotismus auf Jugoslawien richten wollte. Das geschah durch ein duales System – so konnte man zugleich Mazedonier, Kroate etc., als auch Jugoslawe sein. Letzteres war vor allem verbunden mit der positiven Erfahrung einer gemeinsamen sozialistischen Republik.
Als zentrales Integrationssymbol diente die Nationalmannschaft „Plavi“. Sie genoss explizite Förderung, die sich rasch in Erfolgen auszahlte. 1948, 1952 und 1956 erreichte Jugoslawien bei den Olympischen Spielen jeweils das Endspiel, wurde 1960 in Rom Olympiasieger und erreichte 1962 bei der WM in Chile das Halbfinale. „Die Auswahl verkörperte die patriotische Idee von Bruderschaft und Einheit und öffnete diese Werte einem großen Publikum“, schrieb der Historiker Perica. Die internationalen Erfolge waren umso wichtiger, als der Bruch mit der Sowjetunion 1948 einen tiefen Einschnitt für die weitere Entwicklung Jugoslawiens bedeutete. Für Tito war die Lösung von der Sowjetunion sogar der größte „charismatische Bewährungsmoment“. Während er sein Land auf einen Sonderweg zum Sozialismus führte und zum weltweit respektierten Gesicht der Bewegung der blockfreien Staaten aufstieg, diente Sport als Botschafter seiner Ideologie. 1953 reiste die „Plavi“ erstmals nach Indonesien, und zwei Jahre später fanden im Begleitprogramm der Staatsbesuche der Regierungschefs von Burma (heute Myanmar) sowie Indien in Belgrad auch Fußballspiele statt. Im Gegensatz zu den Ländern des sowjetischen „Warschauer Pakts“ pflegte Jugoslawien zudem mit den kapitalistischen Ländern respektvollen Kontakt und trieb Handel. 1949 reiste Hajduk Split erstmals nach Australien, wo es eine große kroatische Gemeinde gab, und im Folgejahr verpasste die Nationalmannschaft bei der ersten Nachkriegs-WM in Brasilien nur knapp den Gruppensieg vor der Gastgeberelf.
Der größte Tag war der 22. Juni 1952, als die „Plavi“ um Zlatko Čajkovski, Stjepan Bobek und Branko Zebec im Achtelfinale des Olympischen Fußballturniers in Helsinki die Sowjetunion nach einem furiosen 5:5 nach Verlängerung im Wiederholungsspiel mit 3:1 bezwang. In Belgrad wurde der Fußballsieg über den politischen Rivalen als „Beleg für die Richtigkeit des jugoslawischen Weg zum Sozialismus“ und „Sieg über Stalin“ interpretiert. „Wir kämpften und siegten mit Deiner Unterstützung und der Unterstützung der gesamten Nation“, heißt es im Telegramm der siegreichen Mannschaft an Tito, die nach ihrer 0:2-Endspielniederlage gegen Ungarns „Wunderelf“ begeistert empfangen wurde und eine Belohnung in Form von devisenstarken US-Dollar erhielt. Der Propagandasieg über den sozialistischen Rivalen stellte den Höhepunkt der Verknüpfung von Fußball und Führer dar. „Ein Fußballteam besiegte ein anderes, ein Sozialismusmodell ein anderes und – ein Führer einen anderen“, schreibt Matthias Blasius in seinem Aufsatz „Fußball und Personenkult in Jugoslawien“, während sich der damalige „Plavi“-Kapitän Stjepan Bobek erinnert: „Wir waren Botschafter von Titos Jugoslawien.“

Wirtschafts- und Fußballkrise
Tito blieb bis zu seinem Tod am 4. Mai 1980 die wichtigste Leitfigur im Land, der auch im Fußball regelmäßig gehuldigt wurde. Er stand synonym für die Überwindung ethnischer und konfessioneller Ressentiments, die zumindest eine Zeitlang tatsächlich gelang. Das lag nicht zuletzt daran, dass er mit seinem „menschlichen Sozialismus“ lange den richtigen Ton traf. Jugoslawiens Industrie und Wirtschaft boomten, die Menschen durften reisen, Urlauber aus dem Westen kamen in die Adriarepubliken Slowenien und Kroatien und brachten Devisen. Nationalistische Töne, wie sie Anfang der 1970er aus Kroatien und 1981 aus dem Kosovo zu hören waren, ließ er hingegen umgehend niederschlagen. Verstöße gegen das heilige Gebot von „Einigkeit und Brüderlichkeit“ wurden nicht geduldet, und natürlich griff auch Tito auf die üblichen Überwachungs- und Lagermethoden mitsamt allgegenwärtiger Geheimpolizei zurück. Jugoslawien war keine Demokratie.
Als sich die Wirtschaftslage durch globale Entwicklungen und aufgrund der veralteten Industrie in den frühen 1970er-Jahren verschlechterte, änderte sich die Stimmung im Land. Während die Nordrepubliken vom devisenstarken Tourismus profitierten, fielen die südlichen zurück. Dazu kamen die fatalen Folgen der Arbeiterselbstverwaltung, die zu ständig steigenden Löhnen geführt hatten, ohne dass diese gegenfinanziert werden konnten. Viele Jugoslawen gingen als „Gastarbeiter“ u. a. nach Österreich und in die Bundesrepublik, wo sie jedoch nach Beginn der dortigen Wirtschaftskrisen mit der Ölkrise 1973 schon bald auch keine Arbeit mehr fanden.
Als Tito 1980 nach langem Todeskampf starb, stand das Land unter Schock. „Im Fußballstadion in Split hätte man nach der Bekanntgabe dieser Nachricht den Flügelschlag eines Schmetterlings hören können“, schreibt der Blog „exyustige.net“: „Danach jedoch wird das Stadion von 50.000 Stimmen, die wie auf ein geheimes Kommando anfangen, das Lied ‚Genosse Tito, auf dich schwören wir‘ zu singen, erfüllt. Zeitzeugen berichten davon, dass Familienväter vor dem Fernseher Habachtstellung einnahmen. Wieder andere, die noch Kinder waren, erzählen davon, dass sie von Erwachsenen, die auf einmal jegliche Souveränität verloren hatten, in das Haus beordert wurden, wie vor einem drohenden Unwetter. Soldaten, die Ausgang hatten, kehrten ohne Befehl in ihre Kasernen zurück, wobei ihnen Autofahrer spontan Mitfahrgelegenheiten boten.“
Dass Jugoslawien anschließend zerbrach, hatte mehrere Gründe. Allen voran die ungeklärte Nachfolgerfrage Titos. Fortan rotierte der Posten des Präsidenten und Vorsitzenden der KP im Jahrestakt zwischen den sechs Teilrepubliken, was sich als wenig effektiv herausstellte. Dann die rasant wachsenden Staatsschulden bzw. die Inflation, das bedrohlich große wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden sowie eine fatale Lähmung durch ein völlig überaltertes Politikbüro. Das alles schuf Raum für Nationalisten, die alte Ressentiments bedienten, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs im Hintergrund geblieben waren. Vor allem der Serbe Slobodan Milošević und der Kroate Franjo Tuđman sahen die Lösung aller Probleme in einer Betonung der ethnischen Unterschiede und fanden damit nicht zuletzt Widerhall unter Jugoslawiens Fußballfans, die separatistischen Gedanken in den Stadien fatale Resonanzräume gaben. Im Laufe der 1980er-Jahre wurden auf den Tribünen zunehmend kriegsverherrlichende, faschistische und geschichtsrevisionistische Symboliken gezeigt und Lieder gesungen. Insbesondere die Rivalität zwischen den serbischen Belgrader Klubs Roter Stern und Partizan sowie den kroatischen Mannschaften aus Split und Zagreb verstärkte die trennende Funktion der ethnischen Herkunft. Es ist sinnlos, darüber nachzudenken, wie Jugoslawiens Weg weitergegangen wäre, hätte es nach Titos Tod verantwortungsvolle Politiker gegeben, die einen Ausweg aus der ökonomischen Schieflage gesucht hätten, statt den Nationalismus zu fördern. So gehörte es zu Jugoslawiens Unglück, dass eine gewaltbereite Fußballzuschauerkultur vor dem Hintergrund des eigentlichen Problems – politischer und ökonomischer Verfall – zum Türöffner für Spaltung, Gewalt und plumpen Populismus wurde. Damit wurde auch Titos Mahnung an die Sportler aus dem Jahr 1971 konterkariert: „Auch sie müssen ein Beispiel in der Entwicklung von Brüderlichkeit und Einigkeit sein, da Sport universell ist.“

Das Bündnis zerbricht
Als Dinamo Zagreb 1982 nach 24 Jahren erstmals wieder Meister wurde, feierten viele Kroaten das bereits als „Sieg über Serbien“. 1986 veröffentlichte die Serbische „Akademie der Wissenschaften und Künste“ dann ein Memorandum, mit dem das politische System des Landes erstmals offen angegriffen wurde und von einer „systematischen Benachteiligung des serbischen Volkes“ die Rede war. Spätestens jetzt war die Existenz Jugoslawiens ernsthaft in Frage gestellt. Drei Jahre später ließ Milošević die serbische Verfassung ändern und schaffte die Autonomierechte des Kosovo sowie der Vojvodina faktisch ab, während er die serbische Macht stärkte. Das war eine unmissverständliche Abkehr von Titos Philosophie von „Einigkeit und Brüderlichkeit“ und einer an den Bevölkerungsanteilen – und nicht Ethnien – ausgerichteten Politik. Parallel fachte der Kroate Franjo Tuđman die Stimmung durch nationalistische, antiserbische und antisemitische Äußerungen an. Dazu gehörte die öffentliche Darstellung von Symbolen der faschistischen Ustaša („Aufständischer“), die während des Zweiten Weltkriegs brutal gegen Serben vorgegangen war. Jugoslawien geriet nun wie schon nach dem Ersten Weltkrieg erneut zwischen zwei Pole: dem der kroatischen bzw. slowenischen Regionalführungen, die eine politische und ökonomische Liberalisierung sowie die Umwandlung des Landes in eine Konföderation anstrebten. Und dem der serbischen Parteiführung, die eine Stärkung des (serbischen) Zentrums verfolgte.
Vor den Augen der europäischen Politik, die zwischen „Abwarten“ und Hilflosigkeit schwankte, zerbrach das Land in einem dramatischen Tempo. 1987 kam es beim Spiel des kosovarischen FK Priština gegen Proleter Zrenjanin zu Ausschreitungen, die von der serbischen Polizei brutal niedergeschlagen wurden. Ende der 1980er-Jahre häuften sich die Ausschreitungen und Übergriffe, wurden zunehmend nationalistischere Töne laut. Dann kam der 13. Mai 1990, als das Pulverfass Jugoslawien beim Duell zwischen dem serbischen Spitzenklub Roter Stern und Dinamo Zagreb, Liebling des kroatischen Nationalisten Franjo Tuđman, im Zagreber Maksimir-Stadion erstmals explodierte. Lange vor Spielbeginn begannen die Auseinandersetzungen zwischen der vom Ultranationalisten Željko Ražnatović („Arkan“) angeführten Belgrader Fangruppe „Delije“ und den Zagreber „Bad Blue Boys“ (BBB), die bei den gerade beendeten ersten freien Wahlen Tuđmans Partei „HDZ“ unterstützt hatten. Es war eine Art Blaupause für den Kroatienkrieg, in dem sich die beiden Fangruppen wiederbegegnen sollten. Am Ende des Tages – das Spiel wurde nie angepfiffen – zählte man 150 Verletzte, unzählige Festgenommene (darunter Zagrebs Stürmer Zvonimir Boban, der einen Polizisten getreten hatte, nachdem der einen am Boden liegenden Fan verprügelt hatte) sowie das Ende des gemeinsamen jugoslawischen Fußballs. Die wackeligen Videoaufnahmen auf „Youtube“ zeigen eine auf beiden Seiten erregte Masse, viele Fahnen mit dem kroatischen Schachbrettsymbol und eine Polizei, die frappierend einseitig gegen die Heimfans vorgeht.

Die Spaltung
Zur Saison 1990/91 gaben sich Dinamo Zagreb und Hajduk Split modifizierte Vereinswappen, in denen statt des roten Sterns des Kommunismus das kroatische Schachbrettmuster zu sehen war. Eine eindeutige Abwendung von der panslawischen Idee und Betonung der eigenen Nation. Am 26. September 1990 kam es beim Spiel Hajduk Split gegen Partizan Belgrad erneut zu Ausschreitungen, wurde eine jugoslawische Fahne verbrannt und stattdessen die kroatische gehisst. Nur die Nationalmannschaft schien auf den ersten Blick von dem Prozess nicht betroffen zu sein und stand geradezu vorbildlich für die sterbende Idee des südslawischen Völkerbundes: Ivković, Panadić, Jarni, Vulić, Bokšić und Šuker waren Kroaten, Stojković, Leković und Spasić Serben, Prosinečki Serbokroate, Savićević, Brnović und Šabanadžović Montenegriner, Katanec Slowene, Stanojković und Pančev Mazedonier, Hadžibegić, Omerović, Baljić, Sušić, Josić und Vuijović Bosnier. Tito hätte stolz von „Einigkeit und Brüderlichkeit“ gesprochen. Die Realität sah anders aus. „Es ist nicht schön, zu Hause zu spielen und sich wie ein Ausländer zu fühlen“, fasste der Slowene Srečko Katanec die Stimmung bei den Länderspielen im Land zusammen. Sportlich gelang am 14. November 1990 mit einem 2:0 in Dänemark ein entscheidender Schritt in Richtung EM 1992, die Jugoslawien zwar erreichte, an der man aber bekanntlich nicht teilnahm.
Als das serbische Parlament im Dezember 1990 in einer Geheimabstimmung beschloss, umgerechnet 1,4 Milliarden US-Dollar durch eine ungedeckte (und zudem illegale) Anleihe in Umlauf zu bringen, eskalierte die Lage. Die Regierungen Sloweniens und Kroatiens sprachen von „offenem Raub“ und kündigten Unabhängigkeitserklärungen an, die am 25. Juni 1991 vorgelegt wurden. Bereits seit Frühjahr 1991 hatte es bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Kroaten und Serben auf kroatischem Gebiet gegeben (siehe auch Jahreschronik 1991 ab Seite 41). 1992 nahm der Zerfallsprozess dynamische Züge an. Im Januar wurde Mazedonien ebenfalls unabhängig, und am 5. März folgte Bosnien-Herzegowina, nach einem von bosnischen Serben boykottierten Referendum. In der wegen seiner ethnischen Diversität „Klein-Jugoslawien“ genannten zentraljugoslawischen Teilrepublik entwickelte sich ein Krieg, der bis Ende 1995 etwa 100.000 Opfer forderte. Anfang 1998 wiederum eskalierte die Lage in der ethnisch überwiegend albanischen bewohnten serbischen Provinz Kosovo, wo Belgrad unter dem Vorwand, die serbische Minderheit zu schützen, brutal gegen die albanische Bevölkerung vorging. Erst NATO-Luftangriffe auf Gebiete in Serbien und Montenegro im Frühjahr 1999 stoppten die Offensive, und in der Folge wurde Präsident Milošević nach massiven Protesten der serbischen Zivilgesellschaft schließlich gestürzt. Am 5. Juni 2006 erklärte das noch immer mit Serbien verbundene Montenegro nach einem Referendum ebenfalls seine Unabhängigkeit, ehe am 17. Februar 2008 der Kosovo folgte, dessen Unabhängigkeit von Serbien allerdings bis heute nicht anerkannt ist.

Folgen der Spaltung
Im Fußball zog der Zerfallsprozess ökonomisch wie sportlich fatale Folgen nach sich. Die Ligen in den Nachfolgestaaten sind schlicht zu klein und wurden mit schwachen Provinzteams aufgefüllt, die für die Topklubs kaum Attraktivität besitzen. Der Publikumszuspruch abseits der großen Derbys wie Roter Stern gegen Partizan (Serbien), Dinamo Zagreb gegen Hajduk Split (Kroatien) oder FK Sarajevo gegen Željezničar (Bosnien) ist entsprechend gering. Sämtliche Talente verlassen ihre Heimatländer oft schon als Jugendliche, was das Niveau der Ligen weiter sinken lässt. International ist der Vereinsfußball Ex-Jugoslawiens inzwischen weit abgehängt und kann nur noch sporadisch Erfolge feiern. 2003 und 2010 schaffte es Partizan in die Gruppenphase der Champions League, 2018 und 2019 war Roter Stern in den Gruppenspielen der Königsklasse dabei. Dinamo Zagreb erreichte 2011 und 2012 die Gruppenspiele, der NK Maribor 1999. Lediglich die nahezu ausschließlich von Auslandsprofis gebildeten Nationalmannschaften feiern Erfolge. Allen voran Kroatien, das 2018 sogar das WM-Endspiel in Russland erreichte (2:4 gegen Frankreich).
Besonders folgenschwer war die Entwicklung in Bosnien-Herzegowina. 1991 die multiethnischste der damals sechs Teilrepubliken, war während des Krieges nahezu die Hälfte der Bewohner auf der Flucht, kam es zu immensen Bevölkerungsverschiebungen mitsamt Bildung ethnisch homogener Siedlungsräume, die auch im Fußball eigene Strukturen und Spielklassen nach sich zogen. Auch die Nationalmannschaft funktioniert nicht als Klammer für die Volksgruppen, weil serbische bzw. kroatische Bosnier ihre ethnischen Auswahlen bevorzugen und es lediglich die bosnische Diaspora ist, die im Nationalteam ein Identifikationsobjekt sieht. In Städten wie Mostar oder Sarajevo verlaufen die ethnischen bzw. konfessionellen Grenzen stattdessen mitten durch die Städte und damit auch durch die lokale Fußball-Landschaft.
Überwunden ist der Nationalismus bis heute nicht. Kroatien präsentierte sich während der Amtszeit von Präsident Franjo Tuđman wie eine Sturmtruppe in kurzen Hosen, die begleitet war von einer Armee von Fans, die geschlossen in Schachbrettmustertrikots auftraten. Serbien war lange wegen der Kriegsereignisse ausgeschlossen und kehrte erst zur WM 1998 auf die internationale Bühne zurück. Ressentiments und die Überhöhung von Kriegsteilnehmern gehörten bis vor wenigen Jahren auf beiden Seiten zum Tagesgeschäft. Als es im August 1999 in der EM-2000-Qualifikation zum ersten Aufeinandertreffen zwischen Serbien und Kroatien kam, herrschte Ausnahmezustand in Belgrad, zumal sich dort zeitgleich die Proteste gegen Milošević wegen des Kosovo-Krieges manifestierten. „So ein Spiel hat natürlich eine gewisse Brisanz, weil man das Geschehen der vergangenen Jahre nicht einfach vergessen kann, aber es wäre sinnvoll, wenn man über den Sport wieder zu einem vernünftigen Nebeneinander kommen könnte. Ich jedenfalls versuche, unvoreingenommen in ein solches Spiel zu gehen“, plädierte der Serbe Slobodan Komljenović vom 1. FC Kaiserslautern, während Stuttgarts kroatischer Nationalspieler Zvonimir Soldo meinte: „Das wird ein gefährliches Spiel für beide Seiten.“
Nationalistisch konnotierte Vorfälle gab es reichlich. Im August 2006 bildeten kroatische Fans beim Freundschaftsspiel in Italien ein menschliches Hakenkreuz, während der in Australien geborene und aufgewachsene Josip Šimunić am 19. November 2013 die EM-Qualifikation Kroatiens mit dem faschistischen Ustaša-Gruß „Za dom – spremni“ (für die Heimat – bereit!) feierte und anschließend kundtat: „Ich wollte das schon immer mal tun. Und mich kümmert es nicht, ob man mich dafür bestrafen kann.“ 2016 kam es beim EM-Qualifikationsspiel zwischen Serbien und Albanien in Belgrad zu einem Abbruch, als in der 21. Minute eine Drohne über dem Spielfeld auftauchte, die eine Flagge in den Umrissen Großalbaniens (also mit dem Kosovo) zeigte. Serbische Medien kolportierten, der Bruder von Albaniens Präsident Edi Rama habe sie gelenkt, während Albaniens Medien spekulierten, die Drohne sei eine von Serbien geplante und durchgeführte Provokation gewesen. 

Dieser Text stammt aus Ausgabe #23


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ZEITSPIEL Geschichte

Wir spielten nur einen Sommer. Eintagsfliegen in Deutschland

Im schicken Strandbad Bundesliga

SpVgg Blau-Weiß 90 Berlin, BSG Chemie Buna Schkopau, SC Preußen Münster, BSG Motor Suhl, SSV Ulm 1846, SC Neubrandenburg - Tasmania 1900 Berlin: Sie alle flogen ganz nach oben in die höchste Fußballliga, stürzten nach nur einem Jahr jedoch jäh wieder ab und wurden zu Eintagsfliegen. Für nicht wenige Klubs endete der kurze Ausflug fatal.
Wir haben uns die Eintagsfliegen in verschiedenen deutschen Wettbewerben angeschaut.