ZEITSPIEL Geschichte. Ausgabe #25

Jüdischer Fußball in Deutschland

(Von Hardy Grüne)


 

Eine kurze Geschichte des jüdischen Fußballs in Deutschland
Von Hardy Grüne
Etwa 200.000 Juden leben gegenwärtig in Deutschland. Dem stehen rund 42 Mio. Katholiken und Protestanten gegenüber - das entspricht einem Verhältnis von 1 zu 251. Die größte jüdische Gemeinde stellt mit etwa 12.000 Köpfen Berlin, gefolgt von München mit etwa 9.000. Unter den 24.500 beim DFB registrierten Fußballklubs sind 22 jüdische Vereine. Sie sind konzentriert auf Metropolen wie Frankfurt, München, Berlin oder dem Ruhrgebiet und oft Großvereine mit zahlreichen Sparten. Fußball ist populär und wird von Frauen wie Männern betrieben. Der Fokus fällt unterschiedlich aus. Makkabi Frankfurt weist große Erfolge in der Nachwuchsarbeit auf, der TuS Makkabi Berlin ist in der höchsten Leistungsklasse von Berlin am Ball, in München betreibt man erfolgreich Integrationsarbeit. Bezahlter Leistungsfußball spielt keine nennenswerte Rolle bei den jüdischen Vereinen. Makkabi Berlin kickte zwar in den frühen 1980er Jahren vier Spielzeiten in der Oberliga West-Berlin, damals dritthöchste Spielklasse unter Bundesliga und 2. Bundesliga, angestrebt wurde und wird Profifußball jedoch nirgendwo. Stattdessen sieht man sich als Brückenbauer zwischen den Kulturen und auf keinen Fall als „nationalistisches jüdisches Projekt“. Robby Rajber, Präsident des TSV Maccabi München, drückt es so aus: „Wir bleiben jüdisch, obwohl wir offen sind für alle – das ist die wichtigste Message“. Auf der Website seines Klubs heißt es über die Gründungsgeschichte: „Aus der Erfahrung von Ausgrenzung und Vernichtung bot dieser jüdische Sportverein Menschen unterschiedlicher Herkunft, Bildung, Religion und Nationalität einen Ort, an dem Verständigung und Integration durch die friedensstiftende Kraft des Sportes eine echte Chance hatte”.

Vor 1918: Assimilierte jüdische Fußballpioniere
Die Geschichte des jüdischen Fußballs in Deutschland beginnt mit der Geschichte des Fußballs in Deutschland. Beide sind eng verbunden mit der Industriellen Revolution und der damit ausgelösten Verstädterung, zwei entscheidenden Grundpfeilern für die Entwicklung des Fußballs zum Massensport nicht nur in Deutschland (dazu ausführlich unsere Ausgabe #19 Großstadtfußball). Damit einher ging in den 1870er Jahren ein rasches Anwachsen der „Mittelschicht“ (Angestellte und kleinere Gewerbetreibende), die in zu Metropolen werdenden Städten wie Köln, Frankfurt, München oder Berlin die Pioniere des Fußballs stellte. Integraler Bestandteil dieser neuen „Klasse“ waren Juden, deren Familien oft schon seit Jahrhunderten in Deutschland ansässig und assimiliert waren. Viele waren im Handel und dem Bankenwesen tätig, da es in Deutschland über Jahrhunderte ein Verbot für Juden im Handwerk und der Landwirtschaft gegeben hatte.
Der von den Britischen Inseln importierte Fußball bot der relativ jungen und liberalen Mittelschicht eine willkommene Bühne, um sich in der verkrusteten Ständegesellschaft des Kaiserreiches gesellschaftliche Anerkennung zu verschaffen. Unter den Fußballpionieren sowohl auf dem Feld als auch (vor allem) in den Vereinsvorständen waren zahlreiche Juden. Junge, männliche Mitglieder liberaler, wohlhabender und weltoffener jüdischer Familien fanden Gefallen am aktiven Spiel. Bei zahlreichen heutigen Profivereinen waren jüdische Mitbürger unter den Klubgründern, während mit Walther Bensemann sowie den Brüdern Gus und Fred Manning drei Juden zu einflussreichen Mitgründern des DFB gehörten.
„Bei vielen europäischen Juden traf man seinerzeit auf einen ausgeprägten Sinn für Neues und Modernes sowie eine größere Bereitschaft zur Anerkennung des Leistungsprinzips und des Wettbewerbs – Dinge, die auch im Sport eine zentrale Rolle spielten“, sagt Dietrich Schulze-Marmeling, Herausgeber des Sammelbandes „Davidstern und Lederball. Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball“: „Jüdische Milieus waren häufig aufgeschlossener gegenüber den Anforderungen und Herausforderungen der modernen kapitalistischen Leistungsgesellschaft. Und anders als das ‚deutsche Turnen‘ war Fußball das Spiel dieser Gesellschaft. Die Idee des englischen Sports und seines offenen Wettbewerbs stand diametral zum Konzept der alten Ständegesellschaft, in der die europäischen Juden ausgeschlossene Unterprivilegierte waren. Der Sport unterspülte feudale Schranken in der Gesellschaft. Das Interesse jüdischer Bürger am Sport war außerdem eine Reaktion auf den latenten Antisemitismus. Im Sport sah man die Möglichkeit, gesellschaftliche Integration und Akzeptanz zu erreichen, denn die von historischem Ballast freie Sportbewegung war anfänglich liberaler und weltoffener als die mit traditionell konservativen Werten überladene Turnbewegung.“
Inwieweit sich die jüdischen Protagonisten bewusst als Juden sahen, ist rückblickend schwer zu klären. „Allein schon die Fragestellung ist problematisch“, schreibt Franz-Josef Brüggemeier in der Broschüre „Juden im deutschen Fußball“ der Bundeszentrale für politische Bildung, „da sie einen Unterschied zwischen Deutschen und Juden nahelegt, den die Nationalsozialisten mit so fatalen Folgen behauptet haben. Denn tatsächlich waren Juden trotz aller Angriffe auf sie ein Teil der deutschen Gesellschaft und haben sich in ihrer Gesinnung als deutsche Bürger begriffen“. Nicht wenige waren sogar deutschnational eingestellt, und die Religion spielte in ihrem Alltag bestenfalls eine marginale Rolle. Von außen indes wurde die jüdische Identität durchaus thematisiert und häufig überbetont. Vor allem nach dem Ersten Weltkrieg, als Antisemitismus im Deutschen Reich zunehmend salonfähig wurde. Im Laufe der 1920er Jahren wurden Vereine wie Eintracht Frankfurt, Tennis Borussia Berlin, Schwarz-Weiß Essen oder Bayern München aufgrund der hohen Zahl jüdischer Mitglieder vor allem in den Führungsebenen sogar als „Judenklubs“ stigmatisiert.

1918 bis 1933: Antisemitismus, eigene jüdische Vereine und Verbände
Explizit jüdische Turn- und Sportvereine gab es nur wenige. Ende 1932 existierten im gesamten Reichsgebiet lediglich 130, von denen nur 44 auch eine Fußballabteilung besaßen. Dem gegenüber standen über 7.000 dem DFB angeschlossene Fußballklubs. „Von den etwa 550.000 Juden, die 1933 in Deutschland lebten, trieben rund 65.000 in Vereinen Sport. Die meisten von ihnen waren in den weltanschaulich neutralen Verbänden organisiert“, schreibt Nils Havemann in seiner vom DFB beauftragten Studie „Fußball unterm Hakenkreuz“. Das deckt sich mit der erwähnten Selbstwahrnehmung der assimilierten Juden, die sich nicht als Juden sondern als Deutsche bezeichneten.
Erster jüdischer Sportverein in Deutschland war der 1898 in Berlin gegründete Jüdische TV Bar Kochba. Sein Name ging zurück auf den Anführer des jüdischen Aufstands gegen die römischen Eroberer unter Kaiser Hadrian 132 bis 135. Erster jüdischer Sportverein mit Fußballabteilung wiederum war der 1902 gegründete Jüdische Turnverein Esra München, bei dem spätestens ab 1912 Fußball gespielt wurde. 1903 entstand der zionistische Dachverband Jüdische Turnerschaft mit Sitz in Berlin, der sich nach dem Ersten Weltkrieg den Namen „Makkabi“ gab und 1921 im tschechischen Karlsbad unter Führung des deutschen Judens Dr. Heinrich Kuhn den Makkabi-Weltverband mit Sitz in Berlin gründete. Der Begriff Makkabi bzw. Maccabi steht für „Kampfgeist“ und geht zurück auf die von liberalen, vor allem aus Europa stammenden Juden gebildete Nationalbewegung der Zionisten, die einen jüdischen Nationalstaat in Palästina anstrebte. Einen eigenen Spielbetrieb betrieb der Verband nicht. Lediglich 1928/29 wurde eine Makkabi-Meisterschaft in Turnierform ausgetragen.
Bis in die frühen 1920er Jahre nahm die Handvoll jüdischer Fußballteams am Spielbetrieb der Regionalverbände des DFB teil. „Die ersten Klubs, die sich vor oder kurz nach dem Ersten Weltkrieg gründeten, wurden anscheinend noch problemlos in die Regionalorganisationen des DFB aufgenommen“, schreiben die Sporthistoriker Lorenz Peiffer und Henry Wahlig in ihrer Studie „Jüdische Fußballvereine im nationalsozialistischen Deutschland“. Als sich Antisemitismus nach dem Ersten Weltkrieg zunehmend auch in Deutschland ausbreitete und in vielen bürgerlichen Turn- und Sportvereinen spürbar wurde, kam es zum Bruch. Der DFB änderte seine Statuten, so dass nun nur noch konfessionell offene Vereine den DFB-Regionalverbänden beitreten konnten. Damit rückte die Frage der jüdischen Identität für die Betroffenen zunehmend ins Blickfeld. Das betraf vor allem die ab den 1880er Jahren verstärkt zugewanderten sogenannten „Ostjuden“, die im Gegensatz zu den assimilierten Juden aus teilweise seit Jahrhunderten in Deutschland lebenden Familien große Schwierigkeiten hatten, in bürgerlichen Vereinen akzeptiert zu werden. Zugleich waren sie vergleichsweise aufgeschlossen für den Fußball, während assimilierte „alteingesessene“ jüdische Familien häufig dem Turnen näherstanden.
Im Laufe der 1920er Jahre entwickelte sich eine Gründungswelle jüdischer Vereine, die auch eine politische Note hatte. Vor dem Hintergrund des wachsenden Antisemitismus wurde Sport als Mittel zur Stärkung der Wehrfähigkeit der jüdischen Jugend betrachtet. Zudem wollte man dem oft geäußerten Stereotyp des „blassen und schwachen Juden“ entgegentreten, der angeblich „den ganzen Tag in der Studierstube verbringt“ und zu „sportlichen Spitzenleistungen nicht fähig ist“. Diesem Klischee wurde das Ideal des „Muskeljuden“ gegenübergestellt, das Max Nordau 1897 als „Korrektiv des jüdischen Intellektualismus“ entworfen hatte.
Zum größten jüdischen Sportverband wurde Makkabi mit 8.000 Mitgliedern in 25 Vereinen im Jahr 1932. „Schild“, ein Ableger des 1919 gegründeten „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“ (RjF), kam auf 7.000 Mitglieder in 90 Vereinen (davon allerdings nur ein Bruchteil mit Fußballabteilung). Während bei Makkabi vor allem Zionisten Sport trieben, setzte Schild auf die weitere Assimilierung der Juden in der deutschen Gesellschaft. Vereinzelt traten jüdische Teams auch dem Arbeiter Turn- und Sport-Bund (ATSB) bei, der im Gegensatz zum DFB keine Auflagen bezüglich der Konfession machte.
Die Rolle des „jüdischen Sündenbocks“ wurde keineswegs nur von nationalistischen oder deutschtümelnden Kreisen propagiert. Gesellschaftlich herrschte weitgehend Konsens, dass es eine „Judenfrage“ gäbe, die „gelöst“ werden müsse. Das bekamen Juden zunehmend im Alltag zu spüren, und viele jüdische Vereine, die sich als Reaktion auf judenfeindliche Ausfälle im Sport gründeten, mussten um Anerkennung kämpfen. Als der Westdeutsche Spielverband (WSV) dem im Oktober 1923 gegründeten TuS Hakoah Essen wegen angeblicher „Überfüllung der Spielklassen“ die Aufnahme verweigerte, riefen Vertreter 18 jüdischer Vereine aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet mit dem „Verband Jüdisch-Neutraler Turn- und Sportvereine“ (VINTUS) eine dritte jüdische Sportorganisation ins Leben. VINTUS entwickelte sich allem in Westdeutschland rasant und hob im November 1925 die erste jüdische Fußball-Liga auf deutschem Boden aus der Taufe. Der Verband kam auf 18 Vereine, deren Mitgliederzahl nicht überliefert ist. Viele VINTUS-Mitglieder verstanden sich als Zionisten und standen damit Makkabi nahe, befürworteten aber im Gegensatz zu Makkabi die Trennung zwischen Sport und Politik.
Weichenstellende Ereignisse für den jüdischen Fußball in Deutschland waren zwei Gastspiele von Hakoah Wien im März bzw. Mai 1924 in Berlin. Die österreichische Spitzenmannschaft lockte zu ihren Auftritten bei Tennis Borussia, einem Verein mit starker Verwurzelung in der jüdischen Gemeinde von Berlin, sowie Hertha BSC Tausende von Zuschauer an und begeisterte das Fachpublikum. Noch im Mai entstand daraufhin mit dem SC Hakoah Berlin der erste jüdische Fußballverein der Stadt. „Diese Gründung wurde mit sehr viel Beifall und Begeisterung in Berlin aufgenommen, und wir bekamen einen riesigen Zulauf und Anmeldungen von jüdischen Fußballspielern, die in den verschiedensten Fußballvereinen Berlins tätig waren“, heißt es in den Quellen. Mit 500 Mitgliedern sollte Hakoah rasch zum größten Fußballverein im Reich aufsteigen, wobei die meisten Mitglieder aus Osteuropa zugewanderte Juden waren. Ein zeitgenössischer Bericht behauptet sogar, „dass die Mitglieder der Fußballabteilung sich zu 99 % aus Ostjuden rekrutierte“.
Im Zuge der Weltwirtschaftskrise und wachsenden Arbeitslosenzahlen verschärfte sich Ende der 1920er Jahre die Lage im Reich, und mit dem Erstarken der NSDAP häuften sich antisemitische Übergriffe. Oft wurde sich billiger Klischees und Stereotype bedient. Darunter die Mär vom „geldversessenen Kapitalisten“, „reichen Juden“ und dem „jüdischem Weltkapital“, das auch im Leistungsfußball verwendet wurde. Der wiederum steckte seit Beginn der 1920er Jahre in einer sich zunehmend verhärtenden Debatte um die Einführung des Berufsfußballs. Viele Befürworter eines bezahlten Fußballs stammten aus Vereinen wie Bayern München oder Eintracht Frankfurt, die als „Judenklubs“ bezeichnet wurden. Dadurch erhielt die Diskussion eine politische und vor allem rassistische Note, wobei letztere zunächst nur zwischen den Zeilen zu erkennen war. Das änderte sich spätestens im August 1932, als im NS-Hetzblatt „Der Stürmer“ ein Artikel unter der Überschrift „Der 1. Fußballklub Nürnberg geht an Juden zugrunde“ erschien, in dem es heißt: „Konrad kann wohl seinen Riesengehalt einstecken, aber den Klub zum Siege führen, das bringt der Jude nicht fertig.“ Der Wind in Deutschland hatte endgültig gedreht.
1933-1938: Ausgrenzung, Vernichtung
Mit der Machtübergabe an Adolf Hitler am 30. Januar 1933 kam das Aus für den jüdischen Sport innerhalb der so genannten „bürgerlichen“ Sportbewegung. DFB und Regionalverbände schlossen Juden im vorauseilenden Gehorsam bereits im April aus. Bei einigen Vereinen wurden selbst Ehrentafeln mit den Namen der Klubgönner abgehängt, weil darauf Juden verzeichnet waren. Für viele jüdische Sportler, die sich als Deutsche begriffen und bisweilen sogar deutschnational dachten, ein Schock. Der ehemalige Nationalspieler Julius Hirsch, der seinem Ausschluss aus dem Karlsruher FV durch Austritt zuvorkam, schrieb: „Ich gehöre dem KFV seit dem Jahre 1902 an und habe demselben treu und ehrlich meine schwache Kraft zur Verfügung gestellt. … Nicht unerwähnt möchte ich aber lassen, dass es in dem heute so gehassten Prügelkinde der deutschen Nation auch anständige Menschen und auch durch die Tat bewiesene und vielleicht auch viel mehr national denkende und durch das Herzblut vergossene deutsche Juden gibt.“
Auch der DFB schloss jüdische Mitglieder „in führenden Stellungen in Landesverbänden oder Vereinen“ bereits im April aus, obwohl es vom Reichssportführer keine entsprechende Anweisung gab. Nils Havemann, Verfasser von „Fußball unterm Hakenkreuz“, verwies 2005 in einem „Spiegel“-Interview in diesem Zusammenhang auf die oben erwähnte Profifrage und meinte: „Diese Anordnung des DFB resultierte aus dem Streit um den Profifußball. Er hat darauf bestanden, jüdische Mitglieder aus führenden Stellungen zu entfernen. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu anderen Sportverbänden, die gleich alle jüdischen Mitglieder ausgeschlossen haben. (…) Der DFB betrachtete damals den Einfluss jüdischer Funktionäre auf den Verband als nachteilig. In vielen Vereinen, die den Profifußball befürworteten, waren jüdische Funktionäre an der Spitze.“
Unter den Vereinen gab es unterschiedliche Vorgehensweisen. Einige Klubs, darunter 1860 München, der VfB Stuttgart und Hannover 96, hatten bereits vor dem 30. Januar 1933 Nähe zur Partei gepflegt und zeigten wenig Zurückhaltung beim Ausschluss selbst verdienter jüdischer Mitglieder. Andere Vereine, in denen Juden traditionell wichtige Rollen spielten und sich große Verdienste erworben hatten, versuchten zunächst, den neuen Zwängen zu entgehen. Beim FC Bayern München etwa musste der jüdische Vorsitzende Kurt Landauer zwar zurücktreten, blieb aber einflussreich im Hintergrund. Auch Eintracht Frankfurt, Tennis Borussia, Schalke 04 und andere Klubs bemühten sich um ihre jüdischen Mitglieder. Vielen Vereinsmitgliedern war der jüdische Hintergrund der Ausgeschlossenen oft jedoch gar nicht bekannt. Hans Schiefele, Journalist und später Vizepräsident des FC Bayern sagte: „Von vielen hat man es gar nicht gewusst. Man hat erst viel später erfahren, dass sie Juden waren – nachdem sie aus dem Verein austreten mussten. Und von manchen hat man auch nie erfahren, was unter den Nazis aus ihnen geworden ist.“
Während der DFB und seine Regionalverbände „judenfrei“ wurden, erfuhren die beiden jüdischen Sportverbände Makkabi und Schild (VINTUS hatte sich auflösen müssen) einen immensen Mitgliederzuwachs durch jene jüdischen Sportler, die aus dem bürgerlichen Sport ausgeschlossen worden waren. Mit Rücksicht auf die Olympischen Spiele 1936 bzw. aus Furcht vor Protesten und Boykott vor allem aus den USA, wurden die jüdischen Sportaktivitäten weiter geduldet. Es entwickelten sich sogar reichsweit regionale Ligaspielsysteme, was die trügerische Hoffnung verbreitete, dass vielleicht „alles nicht so schlimm“ werden würde. Die Unterschiede in der Zielsetzung der Verbände waren gewaltig. Während Makkabi für seine Sportler keine Hoffnung in Deutschland sah und die Emigration nach Palästina anstrebte, glaubte Schild weiter an eine Zukunft im Reich.
Nach den Spielen 1936 bestand für die Nazis kein Grund mehr, den Sport von ihren antisemitischen Repressalien auszunehmen. Spätestens mit den Pogromen vom 9. November 1938 war jüdischer Sport in Deutschland dann endgültig Geschichte, blieb Juden nur noch die Flucht, um ihr Leben zu retten - so wie dem ehemaligen Nationalspieler Gottfried Fuchs, der 1937 nach Kanada emigrierte. Zwischen 1933 und 1936 hatten lediglich 106.000 der 525.000 Juden in Deutschland das Land verlassen. Zwischen dem 1. Januar 1938 und dem Auswanderungsverbot am 1. Oktober 1941 gelang dann immerhin noch 170.000 Menschen die Flucht aus dem NS-Staat, ehe am 20. Januar 1942 auf der „Wannseekonferenz“ die bereits 1941 beschlossene „Endlösung“ eingeleitet wurde. Ein halbes Jahr später schloss auch die Schweiz ihre Grenzen, war eine Flucht nahezu unmöglich.
In einigen KZ wurde auch Fußball gespielt. Darunter Theresienstadt, das als „Musterlager“ die internationale Öffentlichkeit in die Irre führen sollte. Dort war es Insassen sogar erlaubt, einen regelrechten Ligaspielbetrieb einzurichten. „Aus Erinnerungen wissen wir, wie wichtig Fußballspiele für viele Häftlinge in Theresienstadt waren. Sie boten Schutz und eine Flucht vor den Schrecken des Lagers, insbesondere für Jugendliche, die eigene Mannschaften mit Fahnen und Ausrüstung bildeten. Gerade für sie war Fußball ein wichtiges Gesprächsthema, und es bedeutete eine große Enttäuschung, wenn sie am Samstag Arrest erhielten und weder teilnehmen noch als Zuschauer zu einem Spiel gehen konnten“, schreibt Franz-Josef Brüggemeier in „Juden im deutschen Fußball“. Unter den sechs Millionen ermordeten Juden und Jüdinnen waren zahlreiche Sport- und Fußballtalente.

Nach 1945: Neubeginn 
Nach Kriegsende und Befreiung vom Nationalsozialismus hielten sich noch bzw. wieder etwas mehr als 180.000 Juden in Deutschland auf. Darunter rund 50.000 Überlebende aus den befreiten Lagern. Die meisten waren Flüchtlinge aus Osteuropa, die den Krieg im sowjetischen Exil oder Untergrund überlebt hatten und vor antisemitischen Übergriffen ins von den Alliierten besetzte ehemalige Nazi-Deutschland gekommen waren. Aufgrund des besonderen Verfolgungsschicksals entstanden insbesondere in der US-amerikanischen Zone jüdische Auffanglager („Displaced Person-Camps“, DP-Camps), in denen die auf ihre Ausreise nach Palästina wartenden jüdischen Bewohner weitgehende Selbstverwaltung erhielten. Unter diesen Umständen entwickelte sich eine große Vielfalt an jüdischem Leben, zu der auch der Fußball gehörte. Zwischen 1946 und 1948 blühte der Spielbetrieb in den DP-Camps, wo zahlreiche Vereine entstanden und Meisterschaftsspiele vor tausenden von Zuschauern austragen wurden. Der diente einerseits der Zerstreuung und dem Vergnügen der von den Ereignissen traumatisierten Menschen, sollte andererseits aber auch die Zeit in den als „Wartesäle“ bis zur Ausreise empfundenen Lager sinnvoll nutzen. „Wir, der Rest des europäischen Judentums, wollen aktiv an der Gründung der jüdischen Selbstständigkeit mitarbeiten und müssen trachten, unserem Volk gesunde und starke Menschen zu schaffen“, hieß es im November 1945 in einem Aufruf des SK Makkabi aus dem DP-Camp Föhrenwald programmatisch. Mit der Proklamation des Staates Israel 1948 endete die Zeit der DP-Camps und damit eine ganz besondere Epoche in der deutschen Fußballgeschichte. 
Auch außerhalb der DP-Camps entwickelte sich langsam wieder jüdisches Fußball-Leben in Deutschland. Spieler und Funktionäre kehrten in das Land der Täter zurück und wagten den Neustart. Darunter Kurt Landauer, der im Mai 1939 in die Schweiz emigrierte langjährige Präsident des FC Bayern München, der 1947 in sein Amt zurückkehrte. Im selben Jahr nahm in Berlin eine Mannschaft des am 21. Juni 1945 neugegründeten SC Hakoah am Spielbetrieb der höchsten Amateurliga teil. Der Klub nahm 1953 den Namen SpVgg Vineta 05 an und existiert heute im Weddinger FC Corso/Vineta fort, ohne seine jüdischen Wurzeln zu pflegen oder daran zu erinnern. Auch in Köln und Erfurt entstanden wieder jüdische Vereine, die aber nicht lange existierten. Nicht zuletzt deshalb, weil es kaum Nachwuchs gab, denn die jüdischen Rückkehrer waren überwiegend ältere Menschen, die trotz allem an ihrer Heimat hingen und in Deutschland verwurzelt waren. 
„Für den größeren Teil der jüdischen Welt war der Gedanke, die jüdischen Gemeinden in Deutschland wiederaufzubauen, unerträglich“, schreibt Bernard Wasserstein in „Europa ohne Juden. Das europäische Judentum seit 1945“: „Die meisten europäischen Juden betrachteten Nachkriegsdeutschland als einen blutbefleckten Staat, in dem Juden, die etwas auf sich hielten, nicht leben konnten.“ Auch die Selbstwahrnehmung war nach der Schoah eine andere. Raphael Gross, Direktor des Jüdischen Museums in Frankfurt, sagte 2010: „Den deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens begegnen Sie seit 1933, spätestens seit 1945 kaum noch. Wir sagen heute: Wir wurden als Juden verfolgt, da können wir nicht so tun, als seien wir immer Deutsche gewesen“.“ 
Nachdem 1965 diplomatische Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik aufgenommen worden waren, konstituierte sich in Düsseldorf der jüdische Sportverband „Makkabi – Jüdischer Turn- und Sportverband in Deutschland e.V.“ neu. Damals gab es in der gesamten Bundesrepublik lediglich einen Makkabi-Verein – in Düsseldorf. Bald darauf entstanden auch in München, Frankfurt und Köln wieder jüdische Turn- und Sportvereine. In der DDR waren jüdische Vereine nicht möglich, da der gesamte Sport betrieblich organisiert war. 1969 später reiste erstmals seit 34 Jahren wieder eine deutsche Mannschaft zur Makkabiade nach Israel. Die Makkabiade ist eine jüdische Sportveranstaltung, die alle vier Jahre in Israel stattfindet. Es kam zu ersten Kontakten zwischen deutschen und israelischen Teams. Bayern Hof reiste im Juli 1969 nach Tel Aviv, Borussia Mönchengladbach sowie der 1. FC Köln folgten wenig später. Noch im selben Jahr kam es zu Gegenbesuchen israelischer Mannschaften in Deutschland, und am 2. September 1969 folgte in Frechen das erste Länderspiel zwischen der Bundesrepublik und Israel. Der DFB schickte seine Amateurauswahl auf den Platz. Bis zum ersten A-Länderspiel dauerte es noch bis 1987, als der DFB nach Absage der UdSSR für ein Länderspiel in Tiflis einen neuen Gegner suchte und in Tel Aviv anfragte. Länderspiele zwischen der DDR und Israel gab es keine. 
Großen Zuwachs erfuhr die jüdische Sportgemeinde in Deutschland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre. Zahlreiche Juden verließen die Nachfolgerepubliken der UdSSR in Richtung Israel, USA und auch Deutschland. Dadurch kam es an vielen Orten zu Neugründungen jüdischer Vereine. Darunter der TuS Makkabi Gelsenkirchen, der lange von einem aus der Ukraine ausgewanderten ehemaligen Direktor der Sportschule von Dnjepopetrowsk geführt wurde. Wir viele Makkabi-Vereine ist er kein reiner Sportverein, sondern dient vor allem als Standbein im gesellschaftlichen Leben der neuen Heimat und unterstützt bei Sprachproblemen etc. „Bei uns trainieren Juden, Russen, Deutsche, Türken, Kroaten, das ist alles kein Problem, sagte Vereinsvorsitzender Vladimir Veitsmann 2007 der „Jüdischen Allgemeinen“. Fußball spielt in vielen dieser Vereine keineswegs die erste Geige. Stattdessen werden Disziplinen wie Boxen, Ringen oder Schach präferiert. 
2015 war Berlin Gastgeber der 14. European Maccabi Games, zu denen über 2.000 Teilnehmer aus 30 europäischen Ländern begrüßt wurden. 70 Jahre nach Ende der Shoah fanden die Spiele dort statt, wo Juden und Jüdinnen 1936 die Teilnahme verboten worden war: Im Olympiastadion und dem Olympiaparkgelände. 


Dieser Text stammt aus Ausgabe #25


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